Ausgabe Dezember 2001

Chilenische Impressionen

Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen, wird die Abrißbirne dem Café El Biógrafo bereits den Garaus gemacht haben. Damit hört Santiagos politisch temperiertes Bohème-Herz zu schlagen auf. Chiles Kapitale wird erneut um einige Grade anständiger; oder, wenn man so will, langweiliger. Das vermerkt melancholisch nicht nur der Autor dieser Zeilen, der Santiago de Chile seit 1968 periodisch besucht, sondern zum Beispiel auch der chilenische Krimi-Autor Ramón Díaz Eterovic, dessen übermäßig Wodka trinkender Detektiv Heredia mit seinem Kater namens Simenon debattiert und das Verschwinden vertrauter Kneipen beklagt.

Díaz Eterovic, dessen Bösewichter bei diffusen Geheimdienst-Seilschaften aufund untertauchen, wird vom Diogenes-Verlag gerade in den deutschen Sprachraum eingeführt. Santiago de Chile war immer die Stadt der Cafés, der Kneipen, der Kaschemmen, in denen man bei gutem Wein stundenlang diskutierte, um nach Mitternacht rauschhaft der Poesie zu verfallen. Auch Manfred Max-Neef, Chiles alternativer Nobelpreisträger mit zeitweiligem Hauptquartier im El Biógrafo, trauert der Bohème-Vergangenheit nach, zwischen 1964 und 1973 kulturell zudem außerordentlich kreativ.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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