Im Jahr 1798 publizierte Kant drei ältere Abhandlungen unter dem Titel "Der Streit der Fakultäten". Darin entwickelt er eine moderne Idee der Wissenschaft. Auffällig ist freilich, dass er Wissenschafts- und Universitätssystem identifiziert. Die Universität oder die Wissenschaftlergemeinschaft ist im Unterschied zum "bürgerlichen" das "gelehrte gemeine Wesen", eine juristische Körperschaft: die Gelehrtenrepublik. 1) Modern ist diese Idee, weil sie sich f u n k t i o n a l an der Differenzierung von Macht und Wahrheit orientiert. In der Gelehrtenrepublik geht es um Wahrheit und Beweise, im Staat um Macht und Befehle. 2) Lehre und Forschung sind nur der Gesetzgebung der Vernunft verpflichtet. 3) Modern ist diese Idee aber auch n o r m a t i v, denn Kant legt der Wissenschaft den Begriff einer "freien Verfassung" zugrunde und lokalisiert sie damit historisch im Horizont der Französischen Revolution. 4) Politik, Recht, Moral und Wissenschaft entspringen der einen Quelle der Freiheit. Die öffentliche Bedeutung autonomer Wissenschaft sah Kant einmal in der Selbstaufklärung des "g e l e h r t e n gemeinen Wesens durch den Streit der Fakultäten und zum anderen in der volkspädagogischen Aufklärung des breiten Publikums als "bürgerliches gemeines Wesen".
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.