Ausgabe Juni 2002

Bioethische Zumutungen

Bei Fragen, die das Gewissen betreffen, fällt es vielfach nicht leicht, abweichende Positionen zu tolerieren. Dies zeigt sich aktuell in der Debatte um die Embryonen verbrauchende Stammzellforschung. Aus Sicht der Kritiker verlangen die Befürworter nicht weniger, als eine Tötung vollwertiger Menschen für wissenschaftliche Zwecke zu genehmigen. Demgegenüber sehen die Befürworter in der Haltung der Gegner eine erbarmungslose Verweigerung von Heilungschancen. Für beide ist die jeweils andere Position eine Zumutung. Doch diese Zumutung gilt es auszuhalten. Die Gegner der Stammzellforschung argumentieren, dass jedes humane Leben von Anfang an im vollen Umfang zu schützen sei. Genau so, wie jedem geborenen Menschen ein unbedingtes Lebensrecht zukommt, egal ob jung oder alt, gesund oder krank, gemeinnützig oder gemeingefährlich, muss ihres Erachtens auch jedem ungeborenen Menschen bis hin zum frühen Embryo der volle Schutz zugestanden werden. Diese Argumentation appelliert an die Idee einer grundlegenden und gleichen Daseinsberechtigung aller Menschen, die eine lange geistesgeschichtliche Tradition hat. Sie kommt im Rahmen jüdisch-christlicher Anschauungen im Gedanken von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zum Ausdruck. In säkularen Kontexten zeigt sie sich in der Ansicht von dem Selbstzweckcharakter eines jeden Menschen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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Am Anfang stand der 11. September 2001. Danach wurde die Lawine losgetreten: Ein langsamer, aber unaufhaltsamer Erdrutsch erfasste die internationale rechtliche und politische Ordnung. Ein Erdrutsch, der nach und nach die supranationalen Institutionen und die stets fragile, aber nie völlig illusorische Utopie einer friedlichen und auf dem Recht basierenden Weltordnung tief erschüttert hat