Ausgabe Oktober 2002

Bush braucht eine Vision

Amerikaner fühlen sich unbehaglich bei außenpolitischen Konzepten, denen die visionäre oder idealistische Dimension fehlt. Sie sind eine Außenpolitik gewöhnt, die sich in einem großzügigeren Rahmen als dem augenblicklich gebotenen bewegt. Wohin würden Siege über Irak und Al Qaida führen? Die Visionslosigkeit war besonders um den 11. September herum zu spüren. Auf Gedenkveranstaltungen für die Opfer des vergangenen Jahres wurden Franklin D. Roosevelts "Four Freedoms", die "Gettysburg Address" und weitere idealistische Texte vorgetragen, die in vergangenen Zeiten Amerikas geschichtliche Mission beschworen.

Es ging darum, die Vereinigten Staaten erneut auf diese Mission einzustimmen. Mr. Bush sprach von Amerikas "moralischer Berufung". Gleichzeitig aber unternimmt seine Administration die angestrengtesten Versuche, die Amerikaner und ihre zögernden Verbündeten doch noch davon zu überzeugen, dass sie gegen Saddam Husseins Irak in den Krieg ziehen müssen. Nicht wenige Amerikaner finden die mangelnde Übereinstimmung in dieser Frage beunruhigend. Seitdem der Zusammenbruch des Kommunismus die USA in die Position der unangefochtenen Weltmacht brachte, hält die Diskussion darüber an, wie diese Macht angemessen einzusetzen wäre oder wie sie missbraucht werden könnte.

Sie haben etwa 22% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 78% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Venezuela: Kolonialismus des 21. Jahrhunderts?

von Ferdinand Muggenthaler

Anfang April veröffentlichte die »New York Times« eine Recherche über den Entscheidungsprozess, der zum US-Angriff auf Iran führte. Der Bericht bestätigt, was Donald Trump auch öffentlich immer wieder anklingen lässt: Die Militäraktion gegen Venezuela hat ihn motiviert.