Kagans Beobachtungen treffen weitgehend zu. Ja, die Europäer haben einen anderen Zugang zu den Fragen der internationalen Politik als die USA, die das Völkerrecht zunehmend als eine lästige Fessel und nicht als einen „gentle civilizer of nations“ (Koskenniemi) empfinden. Auch kann das in Europa verbreitete Lamentieren über US-amerikanischen Unilateralismus und hegemoniales Gebaren immer weniger eine gewisse innere europäische Unaufrichtigkeit verbergen: Wenn Europa von den USA und der übrigen Welt als gleichberechtigter globaler Ordnungsfaktor ernst genommen werden will, dann müsste es auch bereit sein, die dafür erforderlichen erheblichen Anstrengungen und Entbehrungen auf sich zu nehmen, sprich: die Prioritäten seiner politischen Agenda zu verändern und seine militärischen Etats zu Lasten der Ausgaben für den inneren sozialen Frieden und einen angenehmen Wohlstand zu erhöhen. Eine Weltmacht, die für ihre eigene Sicherheit nicht sorgen kann, ist ein Selbstwiderspruch. Und schließlich – ich zitiere mich hier selbst1 – einer Hegemonialmacht vorzuwerfen, dass sie sich hegemonial benehme, ist so – um eine Metapher von Josef Schumpeter abzuwandeln – als werfe man einem Mops vor, dass er sich keinen Wurstvorrat anlegt.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.