Ausgabe Januar 2003

Balkanische Wahlen als riskante Farce

Egal wie alt oder leidend ihre Patienten waren – mittelalterliche Ärzte verordneten unterschiedslos Aderlässe. Egal wie leidend balkanische Staaten sind – die internationale Gemeinschaft greift zu Wahlen als Allheilmittel, und sie tut es so häufig und undifferenziert, dass Wahlen mit der Regelmäßigkeit fünfter Jahreszeiten anfallen. Von Nutzen konnte in beiden Fällen nur selten die Rede sein: Wo medizinische Grundeinsichten fehlen, bleiben Diagnose und Therapie Stückwerk – wo demokratische Werte bestenfalls oberflächlich verankert sind und auch keine internationalen Konzepte zur Behebung dieses Mangels vorliegen, degenerieren Wahlen im Normalfall zu pseudodemokratischen Surrogaten.

Es hat im westlichen Balkan durchaus Wahlen von historischer Bedeutung gegeben, etwa im Januar 2000, als in Kroatien die Tudjman-Bewegung HDZ eine deutliche Abfuhr erlebte, und im September 2000, als in Serbien der Diktator Slobodan Milošević noch eindeutiger verlor. Beide Wahlen waren im Grunde Referenden, bei denen die Menschen ihr Urteil über ein Jahrzehnt der Korruption, des Machtmissbrauchs und der Kriegsabenteuer sprachen – unbeeinflusst vom Ausland, wo man derart radikale Umstürze weder erwartet hatte, noch sie sich überhaupt vorstellen konnte.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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