Ausgabe März 2003

Scharon II

Als es kurz nach Beginn der Zweiten Intifada Ende 2000 zur Regierungskrise kam, beging der „Zauberer“ der israelischen Politik, Benjamin Netanjahu, einen großen taktischen Fehler: Er war nicht bereit, zum Posten des Ministerpräsidenten zu kandidieren, weil die Knesset nur über vorgezogene Wahlen zum Ministerpräsidenten und nicht über gleichzeitige Neuwahlen zum Parlament entscheiden wollte. Netanjahu wollte nicht gewählt werden, um dann länger als zwei Jahre eine Art Kohabitation mit eben der Knesset zu praktizieren, die 1999 seine Niederlage besiegelte.

Netanjahus Kontrahent in der Likud- Partei, Ariel Scharon, zögerte nicht: Er kandidierte, wurde im Februar 2001 mit einer Zweidrittel-Mehrheit gewählt, und war dann bereit, eine sonderbare Koalition zu führen, an der nicht nur die eigene Partei (19 Sitze), religiöse Parteien (27 Sitze) und die Partei der russischen Neueinwanderer (6 Sitze) teilnahmen, sondern auch die rechtsradikale „Nationale Einheit“ (8 Sitze) einerseits und die Arbeitspartei anderseits (25 Sitze) – eine stabile Mehrheit für einen Regierungschef, dessen Partei nur die zweitstärkste war. Scharon konnte bis zum Austritt der Arbeitspartei aus der Regierung im November 2002 bequem regieren, vor allem weil diese nach innen wie nach außen nolens volens die Funktion eines Feigenblatts übernahm.

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema