Ausgabe Juli 2004

Globalisierung und Armut

Die moderne Wirtschaftswissenschaft schreibt statistisch darstellbaren Zusammenhängen eine große Bedeutung zu. So wird den Kritikern ungehemmter Handelsliberalisierung von neoliberaler Seite unter Bezug auf Statistiken entgegengehalten, dass sie die positiven Wirkungen der Globalisierung bewusst ignorierten. "Die besten verfügbaren Belege zeigen [...], (dass) die gegenwärtige Welle der Globalisierung, die um 1980 einsetzte, tatsächlich mehr wirtschaftliche Gleichheit und niedrigere Armut hervorgebracht hat," behauptet David Dollar, ein bekannter Weltbank-Ökonom, der nach der Ablösung der kritischen Geister Joseph Stiglitz und Ravi Kanbur inzwischen den Weltbank-Mainstream repräsentiert, in einem gemeinsamen Aufsatz mit Aart Kraay.1 Globalisierung sei der beste Weg zur Armutsreduzierung - so wird unter Verweis auf die Statistik behauptet.

Diese angebliche Wirkungskette wird allerdings kaum inhaltlich begründet, sondern nur empirisch dargestellt. Dabei konstruiert man zwischen Globalisierung, definiert als Zunahme des Außenhandelsanteils am Sozialprodukt, und Armutsindikatoren einen direkten Wirkungszusammenhang. Gestützt auf entsprechende Statistiken kann dann behauptet werden, dass der Abbau von Handelsschranken zu mehr wirtschaftlicher Gleichheit und geringerer Armut führe. Diese Ableitung erscheint jedoch gleich an zwei Punkten als Kurzschluss.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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