Ausgabe Februar 2006

Potemkins Rente

Soziale Sicherheit verlässlich und gerecht gestalten“ steht über dem IV. Kapitel des schwarz-roten Koalitionsvertrages. Im ersten Unterpunkt, den man mit „Rente“ betitelt hat, herrscht großkoalitionäre Einigkeit über die Richtigkeit der Rentenpolitik der letzten Jahre sowie über das Ziel, den Beitragssatz für die gesetzliche Rentenversicherung zumindest annähernd stabil zu halten. Um dieses Ziel zu erreichen, stellt der Koalitionsvertrag in Aussicht, das gesetzliche Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre zu erhöhen und „nicht realisierte Dämpfungen von Rentenanpassungen nachzuholen“.

Bei der Kredit- und Versicherungswirtschaft hört man diese Botschaft sicher gerne. So gibt es kaum eine Bank oder Sparkasse, die momentan nicht damit wirbt, mit Geld vom Staat eine private Rente aufzubauen. Die Tageszeitungen sind voll von zum Teil mehrseitigen Beilagen, in denen junge, seriös wirkende und gut gekleidete Banker oder Versicherungskaufmänner die schöne neue Welt der privaten Rentenversicherungen erklären. Verstärkt durch Bilder gut gelaunter, braun gebrannter und strahlender älterer Herrschaften verkünden sie die Botschaft: Private Vorsorge kann so schön, so einfach und, nicht zu vergessen: so billig sein. Wie durch Zauberei werden selbst aus kleinen Beiträgen satte Beträge und den Lebensstandard sichernde Renten, neben denen sich die Zahlungen der gesetzlichen Rentenversicherung wie ein schmales Zubrot ausnehmen.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.