Einige Tage vor den Knesset-Wahlen besuchten uns Verwandte, langjährige treue Leser der Zeitung „Ha’aretz“. Sie Lehrerin im Ruhestand, er Techniker in leitender Stellung und gebildet. Beide waren in der linkssozialistisch-zionistischen Jugendbewegung Haschomer Hatzair („Der junge Wächter“) aufgewachsen, die als Hochburg der israelischen Linken gilt. Wir fragten sie, wen sie zu wählen beabsichtigten, worauf sie uns beide verdutzt anstarrten. „Livni natürlich, ihr nicht? Wollt ihr etwa Netanjahu?“ Betretenes Schweigen im Raum. „Habe ich euch richtig verstanden, ihr wählt Kadima?“, fragte ich weiter, ohne meine Verwunderung zu verbergen. Ich hatte in Erinnerung, dass sie stets die Linksbewegung Meretz gewählt hatten. „Ja, absolut“, versuchten mich die Gäste zu beruhigen, „wir wählen Livni für das Amt des Ministerpräsidenten und Meretz für die Knesset“. Es war nicht leicht, ihnen klar zu machen, dass bei den anstehenden Wahlen wie schon bei den vorangegangenen beiden Wahlgängen in den Jahren 2003 und 2006 nur die Knesset neu bestellt wird. Ministerpräsident wird somit, wer die Unterstützung von mindestens 61 Knesset-Angehörigen aus verschiedenen Parteien genießt.
Alle paar Jahrzehnte erlebt Europa einen Moment, an dem seine politischen Strukturen nicht mehr in die Zeit passen. Diese Momente haben die EU zu dem gemacht, was sie heute ist.