Einige Tage vor den Knesset-Wahlen besuchten uns Verwandte, langjährige treue Leser der Zeitung „Ha’aretz“. Sie Lehrerin im Ruhestand, er Techniker in leitender Stellung und gebildet. Beide waren in der linkssozialistisch-zionistischen Jugendbewegung Haschomer Hatzair („Der junge Wächter“) aufgewachsen, die als Hochburg der israelischen Linken gilt. Wir fragten sie, wen sie zu wählen beabsichtigten, worauf sie uns beide verdutzt anstarrten. „Livni natürlich, ihr nicht? Wollt ihr etwa Netanjahu?“ Betretenes Schweigen im Raum. „Habe ich euch richtig verstanden, ihr wählt Kadima?“, fragte ich weiter, ohne meine Verwunderung zu verbergen. Ich hatte in Erinnerung, dass sie stets die Linksbewegung Meretz gewählt hatten. „Ja, absolut“, versuchten mich die Gäste zu beruhigen, „wir wählen Livni für das Amt des Ministerpräsidenten und Meretz für die Knesset“. Es war nicht leicht, ihnen klar zu machen, dass bei den anstehenden Wahlen wie schon bei den vorangegangenen beiden Wahlgängen in den Jahren 2003 und 2006 nur die Knesset neu bestellt wird. Ministerpräsident wird somit, wer die Unterstützung von mindestens 61 Knesset-Angehörigen aus verschiedenen Parteien genießt.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.