Ausgabe Oktober 1992

Republik ohne Standfestigkeit

Rostock-Lichtenhagen im August 1992: das waren drei Skandale. Der erste bestand darin, daß die Ausschreitungen überhaupt möglich waren und von der Menge der Anwohner wohlwollend verfolgt wurden. Der zweite bestand darin, daß für einen Moment lang das staatliche Gewaltmonopol auf der Straße lag und die Polizei die Brandstifter gewähren ließ. Und der dritte schließlich bestand in der Reaktion fast aller namhaften Politikerinnen und Politiker. Dieser unscheinbare Skandal war in Wahrheit der schlimmste. Sicher, tags darauf gaben alle pflichtschuldig ihre Abscheu zu Protokoll.

Doch schon im nächsten Satz nahmen sie ihre alltäglichen Querelen wieder auf. Von Rudolf Seiters bis Rita Süßmuth sprachen sie sofort wieder vom Artikel 16 GG, der nun bitteschön zügig geändert werden müsse, und nutzten damit in niederträchtiger Weise die Ausschreitungen von Rostock, um die andere große Partei unter Druck zu setzen. Es gibt Situationen, in denen allein die Solidarität mit den Opfern zählt. Das war eine solche Situation. Hier hätte sich erweisen müssen, daß die vielbeschworene "Gemeinsamkeit der Demokraten" mehr ist als eine Floskel. Angesichts solcher Ereignisse die nicht nach einem Endpunkt, sondern eher nach einem Anfang aussahen - hätte der Parteienstreit der Routiniers ruhen müssen.

Oktober 1992

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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