Ausgabe Juni 1995

Postmoderne Regierungslehre

Oder: Moral als Standortfaktor

Das Prinzip des Neuen, sagt Carl Schmitt, "wächst schweigend und im Dunkel, und in seinen ersten Anfängen würde ein Historiker und Soziologe wiederum nur Nichts erkennen."

1. Das Symptom

Völlig schweigsam und ganz im Dunkel ist es dieses Mal aber nicht abgegangen. Jedenfalls für Momente war ihm genügend Aufmerksamkeit sicher, jenem kaltschnäuzigen "Peanuts"-Ausrutscher des Deutsche Bank-Chefs Kopper. Weggewischt hat der Lapsus eine Milliarden-Pleite samt dem gewohnten Rattenschwanz geprellter Ehrenmänner; später wurde er gar zum "Unwort des Jahres" gekürt, weil ihm abzulesen sei, wie in solchen Kreisen gedacht würde: offensichtlich zählt für sie nichts als Geld, und die Geldmenge bestimmt den Gefühlsausbruch. Sollte diese Denkungsart schon länger unter uns gewesen sein, dann hat sie, um ihre Unmöglichkeit wohl wissend, wenigstens stillgehalten. Ja, nachdem der Brandstifter schon gezündelt hatte, ist ein Biedermann nochmals vors Publikum getreten, um den gesunden Menschenverstand besserer Tage anzupreisen: "Tugenden des ehrbaren Kaufmanns und Handwerkers: Präzision, Pünktlichkeit, Gewährleistung, Schadenersatz, eine hohe Zahlungsmoral" - dieser Moralkodex und nur er würden den deutschen Wohlstand sichern (Giersch 1994 b). Mit all dem hat die "Peanuts"-Welt nichts mehr gemein.

Juni 1995

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.