Ausgabe November 1995

Standortdebatte Schwarz-Rot-Grün

Bündnisgrüne Vagabunden?

1. Partei der neuen, postmaterialistischen Linken *)

Wenn Parteien ihre strategischen Optionen debattieren, sind sie gut beraten, sich nicht nur ihrer eigenen Identität zu vergewissern, sondern auch den politischen Standort ihrer Stammwählerschaft zu beachten. Sollten Parteistrategien und WählerInnenerwartungen nicht übereinstimmen, kann es brenzlig werden. Wer jenseits der WählerInnenbasis zum vermeintlichen Höhenflug ansetzt, wird unsanft auf dem Boden der Tatsachen landen. Die Radikalökologen bei den Grünen sind wohl auch deshalb in das politische Abseits geraten, weil sie die Grundorientierungen des grünen WählerInnenpotentials ignoriert haben. Sie unterstellten eine systemoppositionelle Grundhaltung, wo in Wirklichkeit reformerische Erwartungen dominierten. Es wäre für uns ebenfalls tödlich, wenn wir jenseits der Präferenzen unserer Wählerschaft nun zur politischen Mitte, zu schwarz-grünen Ufern aufbrechen würden. Wir sollten der Versuchung widerstehen, in der Parteienlandschaft zu vagabundieren. Mal links, mal rechts auftauchen: Das wäre das Ende des Projekts, für das wir Bündnisgrüne einst angetreten sind.

Wir sind - in der Sprache der Parteienforschung ausgedruckt - die Partei der neuen, postmaterialistischen Linken.

November 1995

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Der Lieferketten-Backlash – und was trotzdem bleibt

von Armin Paasch, Miriam Saage-Maaß

Nach langem Ringen hat das Europäische Parlament am 16. Dezember 2025 dem sogenannten Omnibus-I-Paket zugestimmt, das zentrale Regelwerke des European Green Deal »vereinfachen« soll. Tatsächlich hat die Europäische Volkspartei damit allerdings nicht vereinfacht, sondern vielmehr die »Brechstange« (Manfred Weber, CSU) an die EU-Lieferkettenrichtlinie angesetzt.

Globales Elend und die Diktatur der Superreichen

von Ute Scheub

Sie düsen in Privatjets um die Welt, um Immobilien und Konzernketten an sich zu reißen. Sie kaufen ganze Landschaften und Inseln, um sich dort im größten Luxus abzukapseln. Sie übernehmen Massenmedien, um sich selbst zu verherrlichen und gegen Arme und Geflüchtete zu hetzen.

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Mythos grüne Digitalisierung

von Ingo Dachwitz, Sven Hilbig

Unter dem KI-Boom leidet vor allem der Globale Süden: durch Ausbeutung billiger Arbeitskräfte und Ressourcen, als Empfänger von Elektroschrott und durch den beschleunigten Klimawandel. Positive Veränderungen können nur gelingen, wenn die EU gleichberechtigte Partnerschaften mit den betroffenen Ländern schließt.