Minderheiten werden ungerecht behandelt, werden mißbraucht und benutzt und leiden an der Dummheit und den Vorurteilen der Mehrheit. Das sind schlichte Erkenntnisse, den Grünen bestens vertraut, denn der Schutz von Minderheiten lag ihnen immer am Herzen. In diesem Wahlsommer aber traf sie das Unglück mit der Wucht des Unvorgesehenen: Sie selbst sind eine Minderheitspartei, sie werden als eine solche vorgeführt, und weil niemand darüber mehr überrascht ist als die Grünen selbst, reagieren sie nicht mit Würde, Leidenschaft und Humor, sondern gekränkt und hilflos. Einem Menschen gleich, der mit plötzlichem Liebesentzug konfrontiert alles falsch macht, darunter das schlimmste: sich anbiedern. Unter den künstlichen Aufgeregtheiten der Mediendebatte sticht ein Mißverständnis hervor, das zunächst skurril wirkt, aber auf zweiten Blick durch seinen anti-demokratischen Furor bedrückt: Eine politische Forderung der Grünen gilt nur als akzeptabel, wenn sie mit der Zustimmung einer Wählermehrheit rechnen kann.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.