In der Netz- und Druckversion von Martin Walsers mittlerweile berüchtigter Friedenspreisrede fehlt ein charakteristischer Passus, der die (zuerst in der FAZ gedruckte) Redeversion noch zierte: es handelt sich um den nur pro familia (propria) zu lesenden Hinweis auf die literarischen Verdienste der eigenen Tochter. Möglicherweise liegt in diesem Schlenker ein Hinweis auf den gemeinten Sinn des schillernden Textes, der die diesem sogleich zugewachsene öffentliche Bedeutung doch allzu frivol zu konterkarieren drohte. Nachdem die massenmediale Resonanz nicht umhin kam, sogleich die üblichen Verdächtigen ins Visier zu nehmen (als da sind: Antisemitismus, Vergangenheitsbewältigung und Schlußstrichmentalität), geriet ein doch immerhin erwartbares Motiv gemeiner Autoreneitelkeit ganz unberechtigt in den Hintergrund: der von machtnahen politischen Literaturagenten wie Frank Schirrmacher angefachte Drang des streitbaren Friedenspreisträgers nach nationaler Repräsentanz des eigenen Schaffens. Wäre die Rechnung aufgegangen, so hätte die zwanglose Einbeziehung der eigenen Sippe einen sympathisch persönlichen Farbtupfer im nationalen Ernst der schwarz-rot-goldenen Repräsentationspflicht abgegeben. Die rhetorische Architektur der Friedenspreisrede wäre in drei Überschriften zu rekonstruieren, und die müßten lauten: 1.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.