Bis zur späten Mitte der 90er Jahre wurde allenthalben von der Ära des Wirtschaftsliberalismus gesprochen. Die Rechte glaubte an das "Ende der Geschichte" und feierte ihren historischen Sieg über jede Spielart des Sozialismus. Die Linke schien dazu verdammt, sich dem Abbau des Sozialstaats entgegenzustellen, und sie begleitete die Entwicklung nicht selten zynisch, hilflos oder opportunistisch. Nun aber hat sich der öffentliche Tenor innerhalb kurzer Zeit verschoben. Mit der Wahl sozialdemokratisch geführter Linksregierungen in Großbritannien, Italien, Frankreich und der Bundesrepublik wurde die Basis für eine neue Politik geschaffen. Plötzlich war die Rede davon, daß das Zeitalter der Sozialdemokratie "neu belebt" 1) sei. Das Label, unter dem die Politik der "neuen Sozialdemokratie" seither gehandelt wird: der "Dritte Weg" - im Kontext sozialistischer bzw. sozialdemokratischer Theorieund Strategiebildung keineswegs originell. Der Dritte Weg diente bereits dem Austromarxismus sowie dem Eurokommunismus als Wegweiser für ein sozialistisches Transformationsprojekt "zwischen" dem Kommunismus sowjetischer Prägung und dem sozialdemokratischen Reformismus.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.