Ausgabe Juli 2000

Streitfall Wiedergutmachung

Erinnerungen einer Zeitzeugin

55 Jahre ist es her, dass Hunderte von KZs und Zwangsarbeiterlagern von alliierten Siegertruppen befreit und abertausende geschundener, verelendeter, kaum noch überlebensfähiger, zu Skeletten abgemagerter Häftlinge in eine kaum noch erhoffte Freiheit hinauswankten. Hunderttausende von ihnen, die aus osteuropäischen Staaten deportiert worden waren, wurden in sogenannten DisplacedPersons-Lagern "aufgefangen", wo sie - oft über Jahre - vegetierten, bevor sie, vielfach unfreiwillig, in ihre (zumeist kommunistisch gewordene) Heimat zurückkehrten oder in die USA oder nach Israel auswandern konnten. 55 Jahre ist es her, dass wir besiegten, oft unbehausten NachHitler-Deutschen begannen, Trümmer und Schutt unserer Städte wegzuräumen und - mit unserem eigenen Elend voll und ganz beschäftigt - nur zögernd, oft widerstrebend oder gar ablehnend zur Kenntnis nehmen mussten, welche unvorstellbar unmenschlichen und mörderischen Verbrechen in deutschem Namen - zumeist von Deutschen - in Europa begangen worden waren, und dass es nun an uns, den Überlebenden der Nazi-Diktatur, sein würde, an unseren Opfern "wiedergutzumachen" (ein Begriff, der mir seit damals nur schwer über die Lippen kommt, weil es doch nie wieder gutzumachen sein würde), was man ihnen angetan hatte.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Micha Brumlik: Ein furchtloser Streiter für die Aufklärung

von Meron Mendel

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel und anschließend der Krieg der Netanjahu-Regierung in Gaza begann, fragten mich viele nach der Position eines Mannes – nach der Micha Brumliks. Doch zu diesem Zeitpunkt war Micha bereits schwer krank. Am 10. November ist er in Berlin gestorben.