Ausgabe Dezember 2001

Mit Zappen gegen Anthrax

So titelte der Zürcher "Tages-Anzeiger" am 30. Oktober auf seiner "Kehrseite". Der Zappen ist ein ebenso wirkungsvolles wie einfaches Gerät aus dem Angebot eines Schweizer Versandunternehmens: zwei Metallgriffe, zwei Kabel, eine Batteriestation. "Schaltet man es ein und umfasst die beiden Griffe mit den Händen, fliesst mit einer Spannung von fünf bis neun Volt Strom durch den Körper ... Innert drei bis sieben Minuten tötet der Strom Viren, Bakterien, Pilze und Milben im Körper" und wirke daher - so der Anbieter - auch gegen den gefürchteten Milzbrand.

Was hat dieses merkwürdige Gerät mit den "Anti-Terror-Gesetzen" zu tun, die Otto Schily und seine Kollegen Polizeiminister quer durch die "westliche Zivilisation" derzeit durchpeitschen? Antwort: Weder der Zappen noch die genannten Gesetze leisten einen ernsthaften Beitrag zur Verhinderung von Anschlägen oder gegen biologische Kampfstoffe. An einem Punkt erweist sich das schweizerische Gerät allerdings als haushoch überlegen: Wer daran glaubt, fühlt sich sicherer und hat weniger Angst. Schilys Gesetze dagegen schüren die Angst. Sie brauchen den Horror vor den unerkannten "Schläfern", die Polizei und Geheimdienste insbesondere unter MigrantInnen, Asylsuchenden und Eingebürgerten aufspüren sollen.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Gegen den Digitalzwang: Das Recht auf analoges Leben

von Leena Simon, Rena Tangens

In vielen Saunen gilt das Prinzip digital detox – digitale Entgiftung. Elektronische Geräte wie Smartphones, Tablets oder Computer sind dort nicht erlaubt, die Menschen sollen sich von deren übermäßiger Nutzung erholen. Was in den meisten Saunen normal ist, wird in der Außenwelt jedoch immer schwieriger.

Der maskierte Raub

von Naomi Klein

In der vielschichtigen Debatte über die schnelle Verbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI) gibt es eine vergleichsweise obskure Auseinandersetzung um die „KI-Halluzinationen“. Auf diesen Begriff haben sich die Architekten und Förderer der generativen KI geeinigt, um Antworten von Chatbots zu bezeichnen, die völlig erfunden oder einfach falsch sind.