Ausgabe Mai 2004

Mit den Vertriebenen nach Europa?

Auf den ersten Blick haben der Fall des (ehemaligen) CDU-Abgeordneten Hohmann, die Konjunktur von Büchern über den Bombenkrieg gegen Deutschland und die Diskussion über ein "Zentrum gegen Vertreibungen" nichts miteinander gemein. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings schnell: Es dreht sich jedes Mal, nur von verschiedenen Seiten angegangen, um das zentrale Thema der deutschen Nachkriegsgeschichte, das Thema der deutschen Schuld. Wir haben es mit unterschiedlichen Versuchen zu tun, diese Schuld zu relativieren. Der Vergleich mit den Taten anderer nach dem Muster "Die doch auch!" und die Darstellung der Deutschen als Opfer dienen dabei als die beiden wichtigsten Mittel.

Versuche, durch derartige Vergleiche mit anderen die NS-Verbrechen zu relativieren, sind keineswegs neu. An deutschen Stammtischen wird seit langem darüber palavert, "dass den anderen alles, den Deutschen aber nichts verziehen wird." Gewissermaßen "salonfähig" aber machte solche Vergleiche erst die ungeahnte Brutalität der "postjugoslawischen" Balkankriege. In diesem Zusammenhang entstand auch der Begriff der "ethnischen Säuberung", mit dem manche seither versuchen, die Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Ostmitteleuropa aus ihrem Kontext, dem Zweiten Weltkrieg, herauszulösen, sie dem Nationalismus im Allgemeinen und dem osteuropäischen Streben nach ethnisch homogenen Nationalstaaten im Besonderen anzulasten und ihr damit die politische und historische Dimension zu nehmen.

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema