Ausgabe März 2005

Studieren gegen Gebühr

Selten ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) so herbeigeredet worden wie das Karlsruher Urteil gegen das Studiengebührenverbot im Hochschulrahmengesetz (HRG). Prominente Politikerinnen wie Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) oder die grüne Fraktionschefin Krista Sager legten im Vorfeld öffentlich dar, dass sie fest mit einem Erfolg der Klage sechs unionsgeführter Länder gegen die sechste HRG-Novelle aus dem Jahr 2002 rechneten – und brüskierten damit Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). Am 26. Januar 2005 erklärte der Zweite Senat des BVerfG die gesetzlichen Regelungen zur Studiengebührenfreiheit sowie zur obligatorischen Einrichtung von verfassten Studierendenschaften für verfassungswidrig und nichtig.1

Dem Richterspruch war eine jahrelange Gebührenkampagne vorausgegangen – mit dem 1994 gegründeten Think-Tank neoliberaler Hochschulpolitik, dem Centrum für Hochschulentwicklung, an der Spitze. Damals brachten sich Politikerinnen und Politiker noch mit der Forderung nach Studiengebühren ins politische Abseits; zehn Jahre später gilt das Beharren auf Gebührenfreiheit als Ausweis von Politikunfähigkeit. Und doch ist bis zum heutigen Tag jede Regierung aufgrund der fehlenden Akzeptanz bei den Millionen Betroffenen davor zurückgeschreckt, allgemeine Studiengebühren einzuführen. Noch im Mai 2000 einigte sich die Kultusministerkonferenz einstimmig auf die Sicherung der Gebührenfreiheit des Erststudiums.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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Am Morgen des 24. März hängten unbekannte Aktivisten eine Schaufensterpuppe, die die antike römische Göttin Minerva darstellt, am Denkmal des Grafen Uwarow in der Nähe des Hauptgebäudes der Staatlichen Universität St. Petersburg auf. In der Hand der antiken Schutzherrin der Wissenschaften befand sich ein Zettel mit der Aufschrift „Die Wissenschaft ist tot“.