Ausgabe Juli 2006

Hartz IV oder Sozialneid nach unten

So viel Einigkeit war selten. Großkoalitionäre Politiker, verbeamtete Intellektuelle, gut bestallte Redakteure und besorgte Spitzenfunktionäre von Rotem Kreuz, Arbeiterwohlfahrt und Diakonie sehen unisono die Hartz-IV-Katastrophe heraufziehen. In typisch deutscher Hysterie wird geklagt, gewarnt, gemahnt und tief in die Kiste des zur Beschreibung von Unheil aller Art bereitstehenden Vokabulars gegriffen, als ob Springfluten und Terroranschläge gleichzeitig ihr vernichtendes Werk begonnen hätten. Mit „jeder weiteren Wasserstandsmeldung zur Ausgabenentwicklung“ werde sichtbar, wie beängstigend hoch die „Hartz-Flut“ bereits angeschwollen sei, eine „Kostenexplosion“ nach der anderen erschüttere die allein zum Standort umdefinierte Bundesrepublik, durch „den dramatischen Anstieg der Fallzahlen“ und „den Aufwuchs passiver Leistungen“ werde offenbar, dass Hartz IV „zum teuren Desaster“, ja zum „Fass ohne Boden“ geworden sei.1

Als hätte eine unsichtbare sprachregelnde Hand eingegriffen, darf eine Metapher in keinem Hartz-IV-Bericht oder Kommentar fehlen: der Begriff der „aus dem Ruder gelaufenen Kosten“, der unwillkürlich das Bild eines nicht mehr steuerbaren Schiffes imaginiert, das auf die nächste Klippe aufzulaufen droht.

Die Entwicklung ist in der Tat dramatisch.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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