Ausgabe März 2010

Die Überschreitung der Grenzen

Claus Leggewie zum 60. Geburtstag

Wie sehr man sich auch auf die schier unbegrenzt belastbare Gabe der Selbsttäuschung verlassen kann: Wenn man in der academia einen Artikel zum Geburtstag geschrieben bekommt, muss man unweigerlich einsehen, dass man kein junger Mann mehr ist.

Auch im Fall von Claus Leggewie wird der hier anzuzeigende 60ste Geburtstag nicht ohne jede narzisstische Irritation vonstatten gehen; aber im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen weist sein aktueller Gesamtzustand keinerlei Merkmale des Gealterten auf – und das gilt für den privaten wie für den wissenschaftlichen Teil in gleichem Maße.

Im Rahmen der „Blätter“ liegt es natürlich nahe, über den politischen Intellektuellen Claus Leggewie zu schreiben. Schließlich gibt es nur wenige, die sich so präsent und präzise in öffentlichen und wissenschaftlichen Fragestellungen engagieren wie er. Mir ist seine erstaunliche Treffsicherheit im Bemerken und Benennen von leicht zu übersehenden sozialen Phänomenen zum ersten Mal aufgefallen, als er mich zu einem Vortrag am Giessener Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ eingeladen hatte, wo ich über „Opa war kein Nazi“ referierte und anschließend eine jener Diskussionen zu absolvieren hatte, in denen sich die Zuhörerschaft vor allem in der Kritik der präsentierten O-Töne aus den Zeitzeugen- und Familiengesprächen erging.

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Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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