Ausgabe April 2010

Die Verwilderung der Niederlande

In den Niederlanden zerfiel in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar auch das vierte Kabinett unter Ministerpräsident Jan Peter Balkenende. Ausgelöst wurde der Bruch der Koalition aus Balkenendes Christdemokraten (CDA), den Sozialdemokraten (PvdA) und der rechtskonfessionellen Christenunie (CU) durch die unterschiedliche Haltung der Regierungsparteien zum niederländischen Afghanistaneinsatz. Während die Sozialdemokraten sich weigerten, diesen über den vereinbarten Termin bis Ende 2010 hinaus zu unterstützen, wollten sich Christdemokraten und Christenunie alle Möglichkeiten – also auch ein etwaiges längeres militärisches Engagement in der Provinz Urusgan – offenhalten.

Allem Anschein nach hat Wouter Bos, der PvdA-Parteivorsitzende und Finanzminister, bewusst auf den Koalitionsbruch hingesteuert. Der Grund hierfür dürfte im beständigen Umfragetief seiner Partei liegen. Offenbar versuchen die Sozialdemokraten, die den niederländischen Afghanistaneinsatz bislang mitgetragen haben, durch diesen Schachzug Stimmen in ihrer traditionellen Anhängerschaft zurückzugewinnen, der sie sich in den vergangenen Jahren – ähnlich wie die SPD in der Bundesrepublik – durch marktliberale Reformen zusehends entfremdete. Prompt zeigten denn auch die Umfragewerte seit dem Fall der Regierung einen leichten Popularitätsanstieg.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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