Ausgabe Oktober 2011

Schizophrenie des Alltags: Stellen wir das Selbstverständliche in Frage!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke Ihnen für die Auszeichnung, ein Jahr lang das Amt des Stadtschreibers bekleiden zu dürfen. Ich verstehe Ihre Einladung nach Mainz vor allem als Aufforderung, miteinander ins Gespräch zu kommen, einander kennenzulernen und – zumindest was das ZDF betrifft – gemeinsam zu arbeiten.

Bisher kenne ich Mainz kaum. Ich habe den Dom gesehen, ein paar Räume der Gutenberg-Universität, das Foyer vom SWR, das 3sat-Studio, Buchhandlungen, Hotels, Restaurants, den Bahnhof. Jenseits dieser Berührungspunkte ist Mainz für mich die Chiffre eines geistigen Raums mit unübersehbaren Wirkungen. Es ist die Stadt von Johannes Gutenberg, mit einer alten Universität, die Gutenbergs Namen trägt, die Stadt, in der die erste deutsche Republik gegründet wurde, mit Georg Forster als einem der maßgebenden Köpfe. Mainz ist die Stadt von Anna Seghers, die Stadt, die eine von Alfred Döblin mitbegründete Akademie beherbergt, und nicht zuletzt die Stadt, die wie keine andere für das deutsche Fernsehen steht.

Über Johannes Gutenberg und die Folgen seiner Erfindungen zu sprechen, ist mir fast nicht möglich. Die letzten sechs Jahrhunderte sind ohne das gedruckte Wort unvorstellbar. Marshall McLuhans Begriffsschöpfung der „Gutenberg-Galaxis“ setzt das einprägsam ins Bild.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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