Ausgabe Januar 2014

Prostitution: Die Doppelmoral der Sittenwächter

Freier dürfen aufatmen in Deutschland. Wer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt, wird auch künftig nicht strafrechtlich belangt. So jedenfalls will es der Koalitionsvertrag. Nutzt ein Kunde allerdings „wissentlich und willentlich“ die Zwangslage eines „Opfers von Menschenhandel und Zwangsprostitution“[1] aus, kann er zur Rechenschaft gezogen werden. Die bewusste „Ausbeutung der Arbeitskraft“ dürfte in den meisten Fällen allerdings nur schwer nachweisbar sein, denn im Ernstfall wird sich ein Freier hinter seinem Nichtwissen verschanzen.

Dass sich die Koalitionspartner überhaupt mit dem Thema Prostitution befassen mussten, geht nicht zuletzt auf den Medienwirbel um einen Appell zurück, den Alice Schwarzer mit Unterstützung zahlreicher Prominenter kürzlich in der „Emma“ lancierte. Neben Maßnahmen, die Prostituierten den Ausstieg aus dem Milieu erleichtern und den Frauenhandel unterbinden sollen, wird außerdem die „Ächtung und wenn nötig auch Bestrafung der Freier“ gefordert.„Das System der Prostitution“, so der Aufruf, „brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt freiwilligen Prostituierten.“[2]

Das hat nicht nur die „sogenannt freiwilligen“ Huren auf die Palme gebracht – oder zumindest irritiert.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Wehrpflicht gleicher Bürger

von Sven Altenburger

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat in Deutschland eine intensive Debatte über die Notwendigkeit einer Wehrpflicht ausgelöst. Dabei werden die ideengeschichtlichen Grundlagen der Wehrpflicht von ihren Gegnern regelmäßig verkannt, nämlich Republikanismus und Egalitarismus.

Frieden durch Recht

von Cinzia Sciuto

Am Anfang stand der 11. September 2001. Danach wurde die Lawine losgetreten: Ein langsamer, aber unaufhaltsamer Erdrutsch erfasste die internationale rechtliche und politische Ordnung. Ein Erdrutsch, der nach und nach die supranationalen Institutionen und die stets fragile, aber nie völlig illusorische Utopie einer friedlichen und auf dem Recht basierenden Weltordnung tief erschüttert hat