Ausgabe November 2015

Schämt Euch!

Moralische Anklage als gewaltloser Widerstand

Um das Jahr 1800, mit Beginn der industriellen Revolution, erreichte der Mensch einen noch nie dagewesenen Status: Er wurde zu einer Kraft, die den gesamten Planeten veränderte. Dieses neue Weltzeitalter, das heute auch Anthropozän genannt wird, zeichnet sich durch einige alarmierende Eigenschaften aus, die vor allem in Exponentialkurven zum Ausdruck kommen: Bevölkerungswachstum, Artensterben, Wasserverbrauch, CO2-Emissionen – allesamt steil ansteigend. In vielen Fällen, etwa dem Klimawandel, haben wir die für die Menschheit sicheren Grenzen bereits überschritten und provozieren vermutlich gefährliche Umweltveränderungen. Dennoch kann von einem Umlenken keine Rede sein, wie die regelmäßig auftretenden Skandale ein ums andere Mal belegen.

Das neue Weltzeitalter braucht daher neue Regeln – und bei deren Durchsetzung wird die Scham eine große Rolle spielen müssen. Scham ist nicht nur ein Gefühl. Beschämung ist ein Instrument, ein empfindliches und manchmal gefährliches Werkzeug, das wir bei der Lösung gravierender Probleme zum Einsatz bringen können. Die Beschämung ist eine Form des gewaltlosen Widerstands, die jeder nutzen kann und mit der sich – anders als mit der Schuld – das Verhalten ganzer Gruppen beeinflussen lässt.

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