Ausgabe April 2016

Der Flüchtling als Humankapital

Wider die neoliberale Integrationslogik

Immer unübersehbarer wird das Topthema Flüchtlingspolitik von der AfD dominiert. Zwar verwehren sich Vertreter etablierter Parteien gegen obsessive Forderungen nach Schusswaffengebrauch an der Bundesgrenze. Doch hektische Initiativen um Obergrenzen, Sanktionen, verschärfte Abschiebungsregelungen und unterbundenen Familiennachzug markieren ein Zurückweichen gegenüber rechtspopulistischen Positionen. Es fehlt die Vision einer prosperierenden Einwanderungsgesellschaft. Der noch im Herbst letzten Jahres leitgebende humanistische Appell der deutschen Bundeskanzlerin scheint angesichts aktueller Meinungsumfragen aufgebraucht.

Demgegenüber sehen die deutschen Arbeitgeber in der anhaltenden Flüchtlingszuwanderung ein „Riesenpotential“, so Arbeitgeberpräsident Kramer im „Handelsblatt“.[1] Damit knüpfen sie – angesichts des von ihnen proklamierten Fachkräftemangels – an ihre seit Jahren erhobene Forderung nach einer Ausweitung der Zuwanderung an.

Doch enthält diese Sichtweise auch das Potential zu einem langfristig verbindenden Zukunftsentwurf? Lässt sich die gegebene Situation vielleicht sogar mit der Integration von Flüchtlingen und Arbeitsmigranten in den Gründungsjahrzehnten der alten Bundesrepublik vergleichen?

Nach Lage der Dinge muss hinsichtlich beider Fragen das Gegenteil angenommen werden.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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