Ausgabe Mai 2017

Keiner oder alle

Wer sich von den Stereotypen der Nachrichten, von den leerlaufenden Talkshows befreien will, der lese – wieder – Heiner Müller. „Für alle reicht es nicht. Texte zum Kapitalismus“ sind die beste Einführung in sein großes Werk und zudem hoch aktuell.

Nachdem führende Medien die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 unerwartet nannten, ist es erhellend, was Müller bereits 1992 geschrieben hat. Angesichts der Verschärfung der Asylgesetze und der vielen über das Mittelmeer Fliehenden heißt es: „Auf der Tagesordnung steht der Krieg um Schwimmwesten und Plätze in den Rettungsbooten, von denen niemand weiß, wo sie noch landen können, außer an kannibalischen Küsten.“ Müller sah im Heute das Morgen. Doch sein Morgen ist unser Heute: „Die ehemaligen Kolonien rächten sich an den Metropolen, indem sie sie zu zersetzen begannen. Es entstanden Collagen mit Konflikten zwischen den einzelnen Teilen.“ Dass die Ausgegrenzten 2015 verstärkt in Mitteleuropa auftauchten, bewirkte die Rückkehr des Verdrängten.

„Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erklärt, ist jeder allein. Und vielleicht ist diese Einsamkeit eine Hoffnung.“ Schwer bleibt es, so Müller, im lärmenden Betrieb „die Wahrheit, leise und unerträglich“ zu sagen.

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