Ausgabe Oktober 2018

Die Ausbeutung der Vergangenheit

Bild: Suhrkamp Verlag

Köstlicher Wein und Käse, ein Sinn für Mode und gute Kunst – diese Klischees werden mit Frankreich verbunden. Im Sommer lautet auch für viele Deutsche die Losung: Weg von der Schwere und Ernsthaftigkeit des Arbeitsalltags und schnell über den Rhein, wo man die joie de vivre noch nicht verloren hat. Fort von den Härten des Kapitalismus, die die „Wirtschaftsmacht“ Deutschland fest im Griff haben, hin zu einer Kultur, die nicht so recht zum Profitmachen passen mag.

Dass diese Erzählung konstruiert ist und auch in Frankreich der Kapitalismus regiert, wird kaum jemanden verwundern. Dass aber ein solch klischeebehaftetes Narrativ von einem Land mit vermeintlich authentischem Bezug zu seiner Tradition, seinen Regionen und seinen lokalen Erzeugnissen Teil einer grundlegenden Transformation westlicher Gesellschaften hin zu einer Bereicherungsökonomiesein soll, überrascht dann doch. Genau das aber behaupten die Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre in ihrem neuen Buch „Bereicherung. Eine Kritik der Ware“. Esquerre und Boltanski – letzterer wurde international vor allem durch sein gemeinsam mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Ève Chiapello verfasstes Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ bekannt – vertreten die These, dass sich in den Ländern Westeuropas infolge der Deindustrialisierung eine neuartige Ökonomie herausgebildet hat.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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