Ausgabe Mai 2019

»Wehe, wenn sie losgelassen / wachsend ohne Widerstand«

Am 16. Mai begeht Friedrich Schorlemmer, den wir seit 1990 unseren Mitherausgeber nennen dürfen, seinen 75. Geburtstag. Vor drei Jahrzehnten war er einer jener Mutigen, die das SED-Regime in die Knie zwangen. Als Prediger an der Lutherkirche zu Wittenberg wurde er schon zu Beginn der 1980er Jahren mit seiner Aktion »Schwerter zu Pflugscharen« zu einem der wichtigsten Protagonisten der friedlichen Revolution in der DDR. Auch dafür erhielt er 1993 aus den Händen von Richard von Weizsäcker den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Heute treibt ihn, den großen Rhetor und unermüdlichen Publizisten, tiefe Sorge um, angesichts des Zustands der erst vor 30 Jahren errungenen Demokratie. – D. Red.

Ereignisse wie die des letzten Jahres in Chemnitz – und ich befürchte, es werden nicht die letzten dieser Art gewesen sein – lassen jeden Demokraten verzweifeln, ja fast verstummen. Die dort zusammengerotteten Personen sind für einen zivilisierten politischen Meinungsprozess nicht mehr erreichbar. Auf die komplexe Welt reagieren sie mit hoch vereinfachenden Denkmustern. Je einfacher, desto wirksamer.

Da kommen Leute – vornehmlich Männer – mit lang gepflegten Vorurteilen zusammen, die der kritischen Rückfrage nicht mehr zugänglich sind.

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Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

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