Ausgabe April 2024

Die Aktualität des Grauens: 30 Jahre Völkermord in Ruanda

Fotos der Opfer in der Völkermord-Gedenkstätte in Murambi (S Schlindwein)

Bild: Fotos der Opfer in der Völkermord-Gedenkstätte in Murambi (S Schlindwein)

Der Geruch von Verwesung hängt noch immer in der Luft – auch 30 Jahre nach dem Massenschlachten von 1994. Rund 800 mumifizierte Leichen sind aufgebahrt in den Klassenzimmern der ehemaligen Sekundarschule von Murambi, viele davon Kinder. Es ist ein schauerlicher Anblick: Einige strecken den Arm aus zum Schutz gegen die Machetenhiebe. Einige weibliche Körper haben noch immer die Beine gespreizt von der Vergewaltigung; einer Kinderleiche fehlt der Kopf. Vielen Gesichtern sieht man den Horror an, den sie vor ihrem Tod erlebt haben. Die Völkermord-Gedenkstätte im Südwesten Ruandas, rund 160 Kilometer von der Hauptstadt Kigali entfernt, ist bis heute einer der bedrückendsten Erinnerungsorte in dem kleinen Land im Herzen Afrikas. Nirgendwo wird das schier unvorstellbare Grauen von 1994 so sichtbar wie hier. Damals wurden in nur 100 Tagen über eine Million Menschen landesweit brutal ermordet, die meisten von ihnen Angehörige der Tutsi-Ethnie, aber auch moderate Hutu.

Der Tatort ist bis heute fast unangetastet. Von weitem wirkt das Gelände mit den einstöckigen Backsteinhäusern wie ein Internat während der Sommerferien. Als der Völkermord im April 1994 begann, war die Schule noch nicht ganz fertiggestellt. Die Betonmischer stehen noch immer im Hof wie stille Zeugen, verrostet vom Tropenregen. Es wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben. Murambi ist mehr als nur eine Gedenkstätte.

»Blätter«-Ausgabe 4/2024

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