Ausgabe Juli 2024

Die große Entfremdung

Ika Sperling, Der große Rest, Cover: Reprodukt

Bild: Ika Sperling, Der große Rest, Cover: Reprodukt

Was bedeutet es, einen geliebten Menschen an Verschwörungsideologien zu verlieren? Dieser Frage – und explizit nicht den Ideologien selbst – widmet sich Ika Sperling in ihrem autofiktionalen Comic „Der Große Reset“. Dazu nutzt sie zwei Kunstgriffe: Erstens komprimiert sie die Handlung auf einen dreitägigen Kurzbesuch der Protagonistin – erkennbar die Künstlerin selbst – in ihrer rheinland-pfälzischen Heimat. Die dargestellte Familie ist fiktional, aber an Sperlings eigene angelehnt, und hat offensichtlich schon lange über das Abdriften des Vaters im Zuge der Coronapandemie gestritten, die inhaltliche Auseinandersetzung aber längst entnervt aufgegeben. Nun wird das Thema peinlichst vermieden.

Sperlings zweiter Kunstgriff ist grafischer Natur: Sie zeichnet die Vaterfigur konsequent nur schemenhaft als eine Art Wasserwesen, das diffus ausläuft. Es gibt also nicht das eine „Leck“, das man stopfen könnte, um dieses Auslaufen zu verhindern –, die Vaterfigur entzieht sich symbolisch dem direkten „rettenden“ Zugriff durch die Familie. Zugleich verkörpert diese unscharf konturierte Figur die Elastizität von Verschwörungsmythen und ihren Vertretern, die auf jegliche gegen sie vorgebrachten Argumente und Fakten mit immer weiteren Wendungen und Ergänzungen reagieren, wie Wasser, das bekanntlich immer seinen Weg findet.

»Blätter«-Ausgabe 7/2024

Sie haben etwa 16% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 84% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Kultur