Vom inneren und äußeren Exil zur neuen Handlungsmacht
Bild: Heimatverlust wird heute zu einer universellen Erfahrung: durch Kriege, die Verheerungen der Klimakrise, aufgrund wirtschaftlicher Not. aber auch durch die Enfremdung von Mitmenschen. (Foto: IMAGO / Depositphotos)
An vielen Orten der Welt zwingt politische Verfolgung Menschen ins Exil. Doch droht Heimatverlust keineswegs nur Dissidenten. Vielmehr wird er heute zu einer universellen Erfahrung: durch die Verheerungen der Klimakrise, aufgrund wirtschaftlicher Not. Manche verlieren ihre Heimat sogar, ohne ihr Land zu verlassen: durch die Enfremdung von Nachbarn, die sich allzu leicht mit einer solchen Welt arrangieren. Höchste Zeit, nach neuen Gemeinsamkeiten zu suchen.
Im Rückblick hat nicht das dramatische politische Geschehen alles verändert, sondern ein kurzer hingehauchter Satz. Ein Telefongespräch, das gerade mal eine Minute dauerte und zur Hälfte aus Schweigen bestand. Mehr brauchte es im Herbst 2016 nicht, um mich zur Heimatlosen zu machen. Ich erzähle diese Geschichte sehr ungern. Sobald ich über meine Heimatlosigkeit und vor allem über ihre Ursachen spreche, schüttelt es mich – aus politischen, moralischen und emotionalen Gründen. Bevor ich auch nur dazu ansetze, verletzt die Angst, ich könnte wie eine um Anerkennung winselnde Geflüchtete klingen, meine Würde.
Ich musste mein Land verlassen, um dem Faschismus zu entkommen, um schreiben, denken, einfach sein zu können. Die Inhaftierung von Leuten wie mir, sprich Regimekritiker:innen, war in der Türkei damals bereits an der Tagesordnung, und ich hatte keine Lust mehr, weitere detailreiche gegen mich gerichtete Todes- und Vergewaltigungsdrohungen zu lesen.