Bild: Radka Denemarková: Schokoladenblut, Cover: Verlag Hoffman und Campe
Der Zug zuckelt durch das neunzehnte Jahrhundert, hin und her.« Schon der erste Satz in Radka Denemarkovás neuem Roman mit dem geheimnisvollen Titel »Schokoladenblut« lässt die Poetik dieses außergewöhnlichen Werks erkennen. Die Eisenbahn ist das Fahrzeug der großen Verwandlung der Welt im 19. Jahrhundert. Ein Schienennetz verband damals die uneinigen europäischen Staaten wie die der angeblich Vereinigten Staaten von Amerika. Für den Historiker Tony Judt waren Züge die ultimative Metapher und ein Motor des Kapitalismus. Für den Publizisten Wolfgang Schivelbusch wirkte das Eisenbahnsystem »wie eine über das Land verteilte große Maschine«. Es begann in England, im heraufziehenden Industriezeitalter die Werkstatt der Welt, und breitete sich über alle Kontinente aus.
Im Roman startet der Zug im Böhmen der Habsburger Monarchie, er hält aber nicht nur in Wien oder Paris, sondern überquert surreal den Atlantik bis nach Pennsylvania. Aber es wird noch traumhafter, die Eisenbahn verkehrt nicht nur im Raum, sondern zickzackt auch durch das Jahrhundert, die Zeit ist motivisch komponiert. Das Reale und das Fantastische sind schon im ersten Satz verbunden. Weiter heißt es: »Er fährt, und das Geschehen vor dem Fenster wird immer klarer. Die Passagiere sehen einen Film. Eine Reihenfolge bewegter Bilder.« Zwar entstand das Kino in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, aber erst im 20.