Geschichte der Blätter | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Geschichte der Blätter

Rückblickend lassen sich in der Geschichte der »Blätter« vier große Phasen unterscheiden.

Erstens eine bürgerliche Anfangsphase, mit einer neutralistisch ausgerichteten Blattlinie, die für die deutsche Einheit jenseits jeglicher Blockbindung und damit gegen die Adenauersche Westintegration stand. Verkörpert wurde sie von einem breit gefächerten Gründer- und Herausgeberkreis – von Hermann Etzel, Gründer der Bamberger Symphoniker und führendes Mitglied der Bayernpartei, über Karl Graf von Westphalen, anfangs in der CDU, später Präsidiumsmitglied der Deutschen Friedensunion, bis zu Paul Neuhöffer, Geschäftsführer und Leiter des linken Pahl-Rugenstein Verlags. Sie alle einte die Nähe zum 1954 gegründeten neutralistischen Deutschen Klub. Hinzu kamen unter anderem der große Romanist Hans Rheinfelder, der Theologe Hans Joachim Iwand und Robert Scholl, der Vater von Hans und Sophie, den hingerichteten Mitgliedern der »Weißen Rose«. Aus dieser Zeit stammt das Diktum des Theologen Karl Barth, die »Blätter« seien »eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn«.

Mitte der 1960er Jahre setzt dann die zweite Phase ein. Beginnend mit den Ostermärschen und der Bewegung gegen den Atomtod bis hin zur Studentenbewegung werden die »Blätter« zu einem einflussreichen Organ der bundesrepublikanischen Linken. Der Bayernkurier sah die »Blätter« gar als »Zentralorgan der APO«. Im Zuge der Zersplitterung der 68er-Bewegung folgte eine DKP-nahe Periode. Die »Blätter« erschienen damals im Pahl-Rugenstein Verlag, der teilweise aus der DDR finanziert wurde.

Die dritte Phase beginnt 1989. Im Zuge der sich abzeichnenden Insolvenz des Pahl-Rugenstein Verlages gelang es der damaligen »Blätter«-Redaktion um Karl D. Bredthauer, die Zeitschrift mit ihren mehr als 10.000 Abonnentinnen und Abonnenten in die Eigenständigkeit zu überführen. Seither produziert die Blätter Verlagsgesellschaft mbH die Zeitschrift in eigener Regie. Ökonomische Grundlage für den Gang in die verlegerische Unabhängigkeit war der große Abonnentenstamm.

Die Redakteurinnen und Redakteure sind heute Eigentümer des Verlages, wodurch die »Blätter« ökonomisch und politisch völlig unabhängig sind. Bereits wesentlich früher hatten die Redakteure die Abkehr vom alten deutsch-nationalen Einheitsdenken der Zeitschrift vollzogen. Spätestens in den 1980er Jahren begriffen sie sich als »Adenauersche Linke«, die die Westbindung des ersten Kanzlers der Republik akzeptierten und sogar begrüßten – auch und gerade als Bindung an die Werte der westlichen Moderne.

Gleichzeitig fand eine deutliche Annäherung an linksliberale Kräfte statt. In der Zeit vor und nach der Selbstständigkeit traten etwa Walter Jens und Günter Gaus dem Herausgeberkreis bei. Für die »neuen Blätter« konnten 1990 außerdem noch die DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer und Jens Reich sowie wenig später der Philosoph Jürgen Habermas gewonnen werden.

Zur Jahreswende 2003/2004, und damit beginnt die vierte Phase, zogen die »Blätter« schließlich aus ihrem alten Domizil in Bonn nach Berlin. Gleichzeitig bedeutete dieser Ortswechsel auch einen generationellen Umbruch. Heute bilden Anne Britt Arps (Jahrgang 1979), Daniel Leisegang (1978), Albrecht von Lucke (1967), Annett Mängel (1976) und Steffen Vogel (1978) die fünfköpfige Redaktion.

Im Frühjahr 2011 wurde zudem der Kreis der Herausgeberinnen und Herausgeber durch sechs neue Mitglieder verjüngt: Katajun Amirpur, Seyla Benhabib, Peter Bofinger, Ulrich Brand, Saskia Sassen und Hans-Jürgen Urban. Mit ihrem Beitritt wurde auch die internationale Ausrichtung der Zeitschrift verstärkt.

Seit dem Umzug nach Berlin hat sich der Umfang der Redaktionstätigkeiten beständig erweitert: Zum einen gibt der Blätter Verlag seit 2006 die editionBlätter heraus – mit inzwischen sechs Bänden zu den »Blätter«-Schwerpunkten Globalisierungs- und Kapitalismuskritik, Zukunft des vereinten Europas und Postwachstum.

Darüber hinaus erscheinen sämtliche »Blätter«-Beiträge nicht nur in gedruckter, sondern auch in digitaler Form. Die Website (www.blaetter.de) verfügt zudem über ein umfangreiches Online-Archiv, das bis ins Jahr 2000 zurückreicht, sowie über zahlreiche Dossiers zu aktuellen Themen.

2014 startete die »Blätter«-Redaktion in Kooperation mit dem »Haus der Kulturen der Welt« in Berlin schließlich eine neue Veranstaltungsreihe: die Democracy Lecture. Mit dieser will sie in Zeiten einer vielfachen Gefährdung der offenen Gesellschaft mit herausragenden Stimmen kritisch in die öffentliche Debatte intervenieren – im Sinne der Verteidigung einer demokratischen, sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft. Die bisherigen Redner waren Thomas Piketty, Naomi Klein (2015) und Paul Mason (2016).  

 


 

Zeitleiste 

1956: »Eine Insel der Vernunft«
Im November erscheint die erste Ausgabe der von Hermann Etzel, Paul Neuhöffer und Karl Graf von Westphalen gegründeten Blätter für deutsche und internationale Politik. Zu den frühen Herausgebern der adenauerkritischen Zeitschrift zählt auch Robert Scholl, der Vater der Geschwister Scholl. Aus den frühen Jahren der Bundesrepublik stammt die Einschätzung des Theologen und Mitgründers der Bekennenden Kirche, Karl Barth, die Zeitschrift sei »eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn«.

 

1968: »Zentralorgan der APO«
An dem Aufbruch der Außerparlamentarischen Opposition von 1968 haben auch die Blätter ihren Anteil. Der »Bayernkurier«, die Hauspostille der CSU, bezeichnet sie als »Zentralorgan der APO«.

 

1979: Ganz im Zeichen der Friedensbewegung
Nach dem Nato-Doppelbeschluss erobert Anfang der 1980er Jahre die Friedensbewegung die Straßen der Bundesrepublik – von Beginn an intensiv begleitet durch die Blätter. Das »Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt« schreibt, in der Zeitschrift werde »die Logistik der Friedensbewegung bereitgestellt«.

 

1987: Der erste Demokratiepreis
Die Blätter führen den »Demokratiepreis« ein, der in unregelmäßigen Abständen verliehen wird. Erster Preisträger ist die »Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik« (Memorandum-Gruppe).

 

1989: In eigener Regie
Die Redakteure Karl D. Bredthauer, Klaus Naumann und Arthur Heinrich gründen, nach dem Aus für den Pahl-Rugenstein-Verlag, die bereits ab Anfang 1988 vorbereitete »Blätter Verlagsgesellschaft mbH« und produzieren die Zeitschrift fortan in eigener Regie – unabhängig von Parteien, Verbänden, Verlagen und Kirchen. Die Blätter behaupten sich auf diese Weise als führende politisch-wissenschaftliche Monatszeitschrift im deutschen Sprachraum.

 

1990: Gründung der »Blätter«-Gesellschaft
Die Blätter verleihen den Demokratiepreis an die DDR-Bürgerbewegung, vertreten durch Bärbel Bohley und Wolfgang Ullmann. Die Laudatio hält Walter Jens.
Im März 1990 gründet sich die »Blätter«-Gesellschaft (Gesellschaft zur Förderung politisch-wissenschaftlicher Publizistik und demokratischer Initiativen e.V.). In dieser Vereinigung haben sich inzwischen etwa 330 Leserinnen und Leser der Blätter zusammengeschlossen, um die Unabhängigkeit der Zeitschrift zu unterstützen.

 

1995: WWW
Die Blätter gehen online – die »Insel der Vernunft« ist nun auch im Internet zu finden.

 

1996: »Unentbehrlich für diese Republik«
Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, Künstler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens rufen mit der Erklärung »Unentbehrlich für diese Republik« dazu auf, sich für den Fortbestand der Blätter zu engagieren.

 

1997: Demokratiepreis an Daniel J. Goldhagen
Daniel J. Goldhagen, Autor des Buches »Hitlers willige Vollstrecker«, erhält den Demokratiepreis der Blätter. Jürgen Habermas und Jan Philipp Reemtsma halten die Laudationes auf den Preisträger.

 

1998: Für die Wiedergutmachung von NS-Verbrechen
Nach der konstituierenden Sitzung des 14. Deutschen Bundestages fordern die Blätter die Abgeordneten in einem Offenen Brief und mit einer Leser-Postkartenaktion auf, endlich die Initiative zur Wiedergutmachung von NS-Verbrechen zu ergreifen.

 

2000: Demokratiepreis an den Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte
Der Blätter-Demokratiepreis wird an den Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte e.V. und an seinen Vorsitzenden Lothar Evers verliehen. Laudatoren sind Micha Brumlik und Hildegard Hamm-Brücher.

 

2003: Demokratiepreis an Amira Hass
Die Blätter vergeben den Demokratiepreis an die israelische Journalistin Amira Hass. Die Laudatio hält Jens Reich.

 

2004: Von Bonn nach Berlin
Zum Januar zieht die Blätter-Redaktion (Annett Mängel und Albrecht von Lucke) von Bonn nach Berlin und wird dort alsbald verstärkt durch Albert Scharenberg und ab Mai 2005 durch Daniel Leisegang.

 

2006: 50 Jahre Blätter
Am 24. November feiern die Blätter im Palais in der Berliner Kulturbrauerei mit 500 Gästen ein großes Fest zum 50jährigen Bestehen. Ende des Jahres übernehmen die vier Redakteure sämtliche Verlagsanteile von Karl D. Bredthauer, der die Blätter nach 1989 weitergeführt hatte.
Es erscheint das erste Buch in der edition Blätter, der Globalisierungs-Reader »Der Sound des Sachzwangs«.

 

2007: Demokratiepres an Seymour Hersh
Die Blätter vergeben in der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin den Demokratiepreis an den US-amerikanischen Journalisten Seymour Hersh. Bundesminister a.D. Erhard Eppler und Hans Leyendecker von der »Süddeutschen Zeitung« halten die Laudationes.

 

2008: editionBlätter
Nach dem großen Erfolg des Globalisierungs-Readers veröffentlichen die Blätter zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 »Quo vadis, Amerika? Die Welt nach Bush«. Ein Jahr später folgt »Das Ende des Kasino-Kapitalismus? Globalisierung und Krise«.

 

2010: Neuer Webauftritt
Im Februar geht die neue Blätter-Website online.

 

2011: Wechsel im Redaktionsteam
Albert Scharenberg verlässt die Redaktion in Richtung New York. An seiner Stelle kommt Anne Britt Arps ins Blätter-Team. Im Dezember erscheint das vierte Buch der editionBlätter: »Exit: Mit Links aus der Krise«.

 

2013: Auflagenerhöhung
Die Blätter erhöhen ihre Auflage auf 10.000 Exemplare. Der Krise der Europäischen Union widmen die »Blätter« ihr fünftes Buch der Reihe editionBlätter: »Demokratie oder Kapitalismus? Europa in der Krise« – u.a. mit einer Kontroverse zwischen Jürgen Habermas und Wolfgang Streeck, die weit über den deutschen Sprachraum hinaus Beachtung findet.

 

2014: »Democracy Lecture« mit Thomas Piketty
Erstmals findet die »Democracy Lecture« der Blätter in Kooperation mit dem »Haus der Kulturen der Welt« statt. Den Vortrag hält der französische Ökonom Thomas Piketty. Anschließend debattieren mit ihm Susan Neiman, Hans-Jürgen Urban, und Joseph Vogl.

 

2015: Naomi Klein, Postwachstum und ein neuer Kollege
Im März hält Naomi Klein die zweite »Democracy Lecture«. Pünktlich zur Weltklimakonferenz von Paris erscheint das sechste Buch in der Reihe editionBlätter: »Mehr geht nicht! Der Postwachstum-Reader«. Im Sommer wird Steffen Vogel Mitglied der Redaktion.

 

2016: 60 Jahre Blätter
Anfang April hält der britische Kapitalismuskritiker Paul Mason die dritte »Democracy Lecture« mit dem Titel »Nach dem Kapitalismus?«. An der anschließenden Debatte nehmen Friederike Habermann, Frank Rieger und Hans-Jürgen Urban teil. Mit einem Jubiläumsheft feiern die »Blätter« im November ihren 60. Geburtstag.

 

 

top