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Grassierende Gedächtnisschwächen

Das Meißnertreffen 1913 und die Geschichte der deutschen Jugendbewegung

von Arno Klönne

Im Oktober 1913 trafen sich einige Tausend junge Leute auf einem Bergmassiv im Nordhessischen, dem Meißner, den sie den „Hohen“ nannten, was danach üblich geworden ist. Jungen und Mädchen aus den seit der Jahrhundertwende sich ausbreitenden Wandervogelgruppen und auch reformerisch gesonnene Studenten kamen zum „Ersten Freideutschen Jugendtag“ zusammen. Dieses Ereignis gilt seitdem als Eintrittsdatum der klassischen deutschen Jugendbewegung in die Öffentlichkeit und in die Kulturgeschichte. Dass die „Meißnerjugend“ damals den Anlass für ein Jubiläum im Jahre 2013 hätte generieren wollen, ist nicht anzunehmen. Schließlich handelte es sich eigentlich um eine Alternativ- und Ausweichveranstaltung: Denn zum gleichen Termin wurde in Leipzig mit kaiserlichem Pomp das Denkmal für die „Völkerschlacht“ von 1813 eingeweiht.

Aber runde Daten drängen in unseren erinnerungslastigen Zeiten zur historiographischen Verwertung. Also haben wir es jetzt mit einer Fülle von Würdigungen des „Aufbruchs der Jugend 1913“ zu tun, teils musealen, teils kritisch rückblickenden, und auch mit solchen, die leichthändig dieses Kapitel deutscher Vergangenheit als insgesamt kurios und trübe werten und so Geschichte entsorgen.[1]

Zum Jubiläum des Meißnertreffens hat Barbara Stambolis eine umfangreiche Sammlung von biographischen Essays zu Prominenten herausgegeben, die als „jugendbewegt geprägt“ angesehen werden können.[2] Wie das Alphabet es will, stehen gleich am Anfang nacheinander Beiträge über zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten: Die eine, Wolfgang Abendroth, war während des „Dritten Reiches“ aktiv im Widerstand, kam in Haft, dann in eine „Bewährungseinheit“ und lief zu den griechischen Partisanen über. Die andere, Otto Abetz, wurde Hitlers Botschafter für das unterworfene Frankreich und trug Mitverantwortung für die Deportation der jüdischen Bevölkerung.

Die Ausbreitung eines gemeinsamen jugendkulturellen Stils bedeutet keineswegs, dass in diesem Vorgang übereinstimmende oder wenigstens verwandte gesellschaftspolitische und soziale Leitbilder Geltung gewinnen. Das gilt heute wie damals. Schon auf dem Meißnertreffen 1913 regten sich kontroverse Weltanschauungen, und die späteren Lebenswege von Wandervögeln und „Freideutschen“, überhaupt von Jugendbewegten, lassen umso deutlicher gewaltige Differenzen und Gegensätze erkennen. Vom „hohen“ Meißner führten Wege in Zuchthaus oder KZ des „Dritten Reiches“ – und in die nationalsozialistische Reichsjugendführung oder in die intellektuelle Elite des Hitlerstaats. Und auch in die Kibbuzim. Oder zum „Nationalkomitee Freies Deutschland“.

Von einer einheitlichen Meißnerjugend kann somit nicht die Rede sein. Wie aber geht man bei dem Versuch, Geschichte wirklich zu verstehen, mit dieser Zwiespältigkeit der deutschen Jugendbewegung um? Vieles aus der langjährigen Historiographie zum Thema hat eher zur Verdunkelung als zur Klärung beigetragen. Fangen wir also mit einem Blick auf das Ereignis selbst an.

Leben „aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und mit innerer Wahrhaftigkeit“

Unter jugendkulturellen Vorzeichen betrachtet, bietet die Szene, die sich 1913 auf dem Hohen Meißner darbot, dem heutigen Blick nichts Aufregendes. Eigenständige jugendliche Gesellungen, Naturtourismus, selbstverwaltete Jugendheime, eine besondere jugendliche Musik und Mode – all das ist heute Usus, wo also läge darin eine gesellschaftliche Herausforderung?

Das allerdings war in wilhelminischen Zeiten anders. Der Gruppenstil des Wandervogels hatte etwas Erfinderisches, und er stieß in seinem bürgerlichen Herkunftsmilieu auf starkes Misstrauen, ja sogar auf nationalpädagogische Besorgnisse. Mit ihren Wanderfahrten, „Nestern“ auf dem Land und Gesängen am Lagerfeuer, entzogen sich die frühen Jugendbewegten zeitweilig der Kontrolle von Elternhaus, Schule und vaterländischer Jugendpflege. Wie eng diese Kontrolle wirken konnte, ist in poetischen Werken der damaligen Epoche gut nachzulesen; Heinrich Manns „Untertan“ bietet dabei keineswegs fiktiven Stoff.

Das „Meißner-Gelöbnis“ verkündete dagegen, die Jugend wolle „aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten“. So vage und realitätsfern diese Formel späterer Analyse erscheint, zeitgenössisch wurde sie als höchst aufsässig empfunden, ja mehr noch: als Ansage einer Revolte. Nicht nur im bayerischen Landtag kam daher der Drang auf, das freideutsche „Jugendübel im Keim auszurotten“.

Tatsächlich enthielt die Meißner-Formel den neuen Anspruch auf Autonomie der Jugend. Walter Benjamin, der selbst als Student am Meißner-Treffen teilnahm, sah eben darin eine Chance. Mit einem Bericht in Franz Pfemferts „Aktion“ kritisierte er zwar, dass allerlei betagte patriotische Kulturmissionare sich auf dem Meißner dem Publikum andienten und antisemitische Stimmen zu hören waren, wertete aber die dort angebahnte freie Assoziation junger Menschen als hoffnungsvoll. Ausdrücklich wünschte er sich weitere freideutsche Jugendtage, dann aber unbelästigt von Botschaften aus der „alten“ Gesellschaft.

Doch dazu kam es nicht mehr. Im Herbst des folgenden Jahres wütete schon der Weltkrieg, das „Menschenschlachthaus“, wie es von dem Schulreformer Wilhelm Lamszus 1912 vorausschauend beschrieben worden war. Und auch auf dem Meißner war von der Gefahr eines kommenden Krieges durchaus gesprochen worden; als einer der Festredner hatte der umstrittene Reformpädagoge Gustav Wyneken vor nationalchauvinistischer „Phrasenuniformierung“ der Jugend gewarnt. Obwohl also der Erste Weltkrieg die Entstehung einer direkten Meißner-Tradition jäh unterbrach, wurde, was 1913 mit dem „Freideutschen Jugendtag“ begann, über viele Jahrzehnte hindurch in der deutschen Gesellschaftsgeschichte erstaunlich wirksam – wenn auch auf höchst zwiespältige Weise, die sich im historischen Verlauf immer wieder wandeln sollte.[3] Kriegstreiberisch allerdings, wie ein gängiger Vorwurf lautet, verhielten sich die Wandervögel und „Freideutschen“ mehrheitlich gerade nicht. Darin unterschieden sie sich von vielen älteren Wortführern im damaligen deutschen Bürgertum. Gewiss, die meisten von ihnen rückten, wenn sie „wehrfähig“ waren, ein Jahr nach dem Meißnertreffen bereitwillig zum Militär ein, häufig als „Kriegsfreiwillige“. Dienst an der Front galt ihnen als patriotische Pflicht.

Bei vielen jungen Männern aus der Arbeiterbewegung war das nicht anders. Sie glaubten, das Deutsche Reich führe einen Verteidigungskrieg, schließlich hatte ja auch die Führung der Sozialdemokratie den Militärkrediten zugestimmt. Der junge sozialdemokratische Poet Karl Bröger schrieb seine dann immer wieder zitierten Verse über den „ärmsten Sohn Deutschlands“, der sich nun, nachdem ihn „das Vaterland gerufen“ habe, als der „treueste“ erweise. Gleichzeitig kam die Legende vom „Opfer der Wandervogeljugend“ 1914 bei Langemarck auf: Das Deutschlandlied auf den Lippen seien die jungen Männer todesmutig gegen die feindlichen Stellungen angerannt.

Von der Meißnerformel zum Bekenntnis zu „Führer und Gefolgschaft“

Doch je länger der Krieg andauerte und je mehr er seine Brutalität zeigte, desto brüchiger wurden solche realitätsfernen Kriegsdeutungen. Speziell in der Arbeiterjugend bildeten sich kriegsgegnerische Gruppen, in Auseinandersetzung mit der Politik des „Burgfriedens“ zwischen Kaiser und Parteien.

In der bürgerlichen Jugendbewegung dagegen schieden sich die politischen Geister. Margarete Buber-Neumann bringt in ihren Lebenserinnerungen ein Beispiel dafür, wie ein „Feldwandervogel“ auf Urlaub mit seinen Schilderungen das romantische Kriegsbild der jugendbewegten Szene in der Heimat zerbricht. Teile des Jugendmilieus wendeten sich zur antimilitaristischen Linken oder zum Pazifismus hin. Andere verwandelten ihren naiven Patriotismus in ein „heroisch-realistisches“ Weltbild, das die „Stahlgewitter“ als Grundmuster moderner nationaler Existenz heraushob. Ernst Jünger wurde zum Vordenker dieser jugendbewegten Richtung.

In der einschlägigen Geschichtsschreibung wird zumeist vernachlässigt, welche jugendkulturellen Veränderungen sich damit in vielen bürgerlichen Bünden vollzogen. Das bezog auch die Pfadfinder ein und griff auf eigentlich unpolitische Organisationen wie die Turnerjugend und auf die konfessionellen Jugendverbände aus. Die Meißner-Formel verlor in diesem jugendbündischen Milieu mehr und mehr an Akzeptanz, an die Stelle jugendlicher Autonomie traten das Gelöbnis zum „jugendlichen Dienst an der Volksgemeinschaft“, das Bekenntnis zu „Führer und Gefolgschaft“ und für die Jungen und Jungmänner auch die „soldatischen Tugenden“. Ritualisierte Jugendlager drängten die vagantenhafte Wandervogelfahrt zurück, die jugendbewegten Lieder bekamen eine Tendenz zum Martialischen. Bei vielen Bünden verband sich dies mit einer Ausgrenzung von Mädchen und Frauen; schon in der Frühzeit der Jugendbewegung hatte Hans Blüher dafür ideologische Vorarbeit geleistet mit seiner These, dass allein männliche Gemeinschaften geistig schöpferisch und „staatsbildend“ wirken könnten.[4]

„Aufbruch der Jugend“ – aber wohin?

Allerdings öffneten sich gegen Ende des Ersten Weltkrieges auch die Jugendvereine der organisierten Arbeiterschaft für den Gruppenstil und die Ideenwelt des Wandervogels und der Freideutschen. Mit seinem „Weimarfest“ 1920 erklärte sich der sozialdemokratische Jugendverband selbst zu einer „Bewegung“. Jugendgruppen in den Gewerkschaften und beim Arbeitertouristenverband „Naturfreunde“ schlossen sich dieser Tendenz an. Unabhängig von SPD und KPD agierten zudem jugendbewegte Bünde sozialistischer Orientierung; der „Internationale Sozialistische Kampfbund“ unter philosophischer Regie von Leonhard Nelson beispielsweise hatte hier seine Herkunft. Daneben existierten in Vielzahl jugendbewegte Gruppen anarcho-syndikalistischer und pazifistischer Richtung. Bis Mitte der 1920er Jahre bot einen publizistischen Treffpunkt für diese Szene die Zeitschrift „Junge Menschen“, herausgegeben von dem „Meißnerfahrer“ Walter Hammer-Hösterey, den später der NS-Staat ins Zuchthaus sperrte.[5]

Das jugendbewegte Milieu stellte zudem das wichtigste Rekrutierungsfeld dar für die zahlreichen lebensreformerischen Initiativen. Ihre Hochzeit erlebten diese, von den Nudisten über die Naturköstler bis zu den Landkommunarden, zu Beginn der Weimarer Republik. Begonnen allerdings hatte diese Verbindung – von Jugend- und Lebensreformbewegung – schon bei den Vorgesprächen zum Meißnertreffen 1913. Der Lebens- und Naturphilosoph Ludwig Klages bot sich der „freideutschen“ Jugend an; von einer „grünen“ gesellschaftlichen Wende war bereits damals die Rede.

Ab Mitte der 1920er Jahre machten sich schließlich auch die großen konfessionell-pädagogischen Verbände viele Elemente des neuen, jugendbewegten Stils zu eigen, und an ihrem Rande bildeten sich religiös geprägte Jugendbünde heraus, die amtskirchlichen Vorgaben nicht Folge leisten mochten. „Jugendbewegt“ wollten nun aber auch deutsch-„völkische“ Gruppierungen, deutschnationale Nachwuchsverbände und rechtskonservative, wehrerzieherische Organisationen sein und auftreten, der „Jungdeutsche Orden“ unter Arthur Mahraun ist hier exemplarisch zu nennen.

Auf den „Hohen Meißner“ als Impuls beriefen sich zunehmend auch die nachwachsenden Theoretiker in den Erziehungswissenschaften, wie etwa Eduard Spranger. Und nicht wenige junge Lehrerinnen oder Lehrer waren darauf aus, ihre Schulklassen in jugendbündische Gruppen zu verwandeln. Jugendherbergen wurden eingerichtet; in ihnen tummelten sich Jugendgruppen unterschiedlicher Richtung ebenso wie Schüler und Schülerinnen „auf Klassenfahrt“.

Der Mythos von der historischen „Sendung der jungen Generation“

Kurzum: Jugendbewegt zu sein, wurde zum vorherrschenden jugendkulturellen Angebot in der deutschen Gesellschaft nach 1918. Der Mythos einer historischen „Sendung der jungen Generation“ hatte Konjunktur. Die Idee, vom biologischen Nachwuchs sei eine „Neugeburt der Gesellschaft“ zu erhoffen, wurde in allen möglichen Varianten attraktiv.

Dahinter aber stand auch schlicht demographischer Druck: Anders als in der Gegenwart war damals der jugendliche Anteil an der Gesamtbevölkerung hoch. Also schien es geboten, die Jugendgeneration diskursiv aufzuwerten, auch zum Zwecke der Integration. Der hofierende Satz „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft“ war dabei keine politsprachliche Kreation der NSDAP, vielmehr griff diese ihn nur auf. Sie fügte ihm allerdings die keineswegs höfliche Aufforderung hinzu: „Macht Platz, ihr Alten!“ Gemeint war damit nicht nur das politische Personal, sondern das gesamte „Weimarer System“, also der mühsame und von Beginn an bedrängte Versuch einer ersten rechtstaatlichen, parlamentarischen Republik auf deutschem Boden.

In der Praxis ausgegrenzt waren bei einer Reihe bürgerlicher Bünde nicht nur Mädchen, sondern auch jüdische Jugendliche – wenn auch zumeist noch nicht aggressiv-„rassenkundlich“, so doch schon im Vollzug antisemitischer Gefühle. Dies hatte zur Folge, dass sich separate jüdische Bünde herausbildeten. Sie stellten einen besonders lebendigen Part der Jugendbewegung in Deutschland dar, bis der NS-Staat ihre Existenz nach 1933 auslöschte.

Politisch spiegelten sie zunächst das allgemeine jugendbewegte Spektrum, von linkssozialistischen bis zu deutschnationalen Gruppierungen. Je bedrängender die antisemitischen Stimmungen wurden, desto näher lag für deutsch-jüdische Jugendbewegte jedoch die Hoffnung auf eine Heimstatt außerhalb Deutschlands. Die Philosophie Martin Bubers regte daher neue kommunitäre Entwürfe an, die Suche nach einem Weg „vom Hohen Meißner zum Kibbuz“.[6]

Dieses deutsch-jüdische Kapitel in der Geschichte der Jugendbewegung blieb bis heute häufig unbeachtet. Nach 1945 war es für lange Zeit nahezu in Vergessenheit geraten – oder gebracht worden. Christian Niemeyer hat jetzt in einer Studie über „Die dunklen Seiten der Jugendbewegung“ dargestellt, wie schnell bereits in den Entstehungsjahren der Bünde völkisch-antisemitische Ideologieangebote zur Hand waren.[7] Er legt dabei auch offen, auf welche Weise nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ zunächst Veteranen aus der bürgerlichen Jugendbewegung deren Geschichte neu sortierten und frisierten: Maßgeblich beteiligt waren daran Wissenschaftler, die sich selbst „rassenpolitisch“ engagiert hatten. So wurde die wissenschaftliche Betreuung der ab 1963 erscheinenden mehrbändigen offiziösen „Dokumentation der Jugendbewegung“ dem Historiker Günther Franz anvertraut, der bis 1945 als prominenter SS-Akademiker hervorgetreten war. Herausgeber und mit der Edition der Quellensammlung beauftragt war der Wandervogel-Funktionär Werner Kindt, der nach Hitlers Machterlangung versucht hatte, die bündische Jugend als Wegbereiterin der Hitlerjugend zu positionieren.

Von der „Konservativen Revolution“ zum Dritten Reich?

Bereits in der Endphase der Weimarer Republik stand die Majorität der bürgerlich-bündischen Jugend im „nationalen Lager“ der deutschen Gesellschaft. Zwar war sie überwiegend ohne parteipolitische Bindung, aber durchweg antiparlamentarisch gestimmt. Vorherrschend waren diffuse Hoffnungen auf eine „Erneuerung“ des Staates, auf eine „echte politische Autorität“, die auch den Konflikt der Klassen aus der sozialen Welt schaffen sollte. Das Verhältnis zur NSDAP war jedoch distanziert, als Partei schien sie den Bündischen zu plebejisch, und die NS-Jugendorganisation hatte zu dieser Zeit kaum Berührungspunkte mit dem jugendbewegten Milieu. Hingezogen fühlten sich bürgerliche Jugendbewegte vornehmlich zur Ideenwelt einer „Revolution von rechts“, die „jungkonservativ“ sein sollte. Der „freistudentisch“ geprägte Philosoph Hans Freyer, Kopf der „Leipziger Schule“ in der Soziologie, bot dafür gedankliche Hilfe mit seinem elitär-hierarchischen Gesellschaftsmodell, auf Basis eines autoritären, starken Staates. Zum Leitorgan für intellektuell interessierte und politisch suchende junge Leute aus dem Milieu bürgerlicher Jugendbewegung wurde in der Endphase der Weimarer Republik „Die Tat“, unter der Redaktion des rechtskonservativen Hans Zehrer (dem späteren Chefredakteur von Springers „Welt“). „Die Tat“ erreichte eine hohe Auflage und wurde verlegt von Eugen Diederichs, der seit den Tagen des Meißnertreffens 1913 wechselnde Wege der Jugendbewegung mit seiner Buchproduktion begleitete.

Intellektuelle Zubringerdienste für den NS-Staat

Immer wieder taucht der Vorwurf auf, die bürgerliche Jugendbewegung habe gedanklich und machtpolitisch das „Dritte Reich“ vorbereitet. Dieser Vorwurf ist nicht zu halten. Es waren andere Kräfte in der deutschen Gesellschaft, die ihre Interessen mit Hitlers Hilfe zu realisieren suchten und dies auch erreichten. Allerdings leistete das bürgerlich-bündische Jugendmilieu wichtige Zubringerdienste für den NS-Staat – und zwar mentalitäts- und ideengeschichtlich, für dessen Symbolik und kulturellen Auftritt wie auch für die nationalsozialistische Jugenderziehung. Und in den Funktionseliten des „Dritten Reiches“, von den Universitäten bis zum Militär, war der Nachwuchs jugendbewegter Herkunft von erheblichem Nutzen, wirkte er sozusagen systembelebend.

Aufstieg und Machterhalt des Nationalsozialismus gelangen dadurch, dass erst die Hitler-Bewegung und dann auch der Hitler-Staat „bündelten“: Anschlussfähige Traditionen, gesellschaftliche Gruppierungen oder Institutionen wurden einbezogen, Ideen und Interessen unterschiedlicher Herkunft politikstrategisch zusammengeschlossen und unter führerstaatliche Kontrolle gebracht. Ein solches Potential war die bürgerlich-bündische Szene vor 1933, zwar nicht das entscheidende, aber doch von größter Bedeutung für die Anziehungskraft, die der Hitler-Jugend nach 1933 zuwuchs.

Unmittelbar nach der Machtübergabe an Hitler und seine Gefolgschaft machten sich Staat und Partei daran, der nationalsozialistischen Jugendorganisation ein Monopol zu verschaffen – und soviel erzieherischen Einfluss wie nur irgend möglich.[8] Die Arbeiterjugendverbände wurden sogleich verboten, illegale Fortsetzungen derselben brutal verfolgt. Aufgelöst wurde schon 1933 auch der „Großdeutsche Bund“, eine Föderation der größten bürgerlich-bündischen Jugendorganisationen.

Zur gleichen Zeit gingen im Sog der „Nationalen Revolution“ in großer Zahl Gruppen aus der jugendbewegten Szene zur Hitler-Jugend über; Ende 1933 gliederten sich auch die evangelischen Jugendverbände der HJ ein. Noch einige Jahre fortbestehen konnten im Schutze des Reichskonkordats die katholischen Jugendorganisationen, wenn sie auch immer wieder drangsaliert wurden.

Massenhaften freiwilligen Zustrom von bisher nicht organisierten Jugendlichen, gerade auch weiblichen, bekam die Hitlerjugend in den ersten Jahren des „Dritten Reiches“. Ihr Erfolgsrezept: Sie übernahm den Stil und die Praktiken der Bündischen Jugend vor 1933 und trat auf in der Performance einer nun endlich geeinten, auch „klassenlosen“ Jugendbewegung. Vormilitärisches Training der Jungen und Einstimmung auf „Bewährung“ im Krieg waren zentrale Aufgaben der HJ-Erziehung; die Vorarbeit dafür war in vielen Jugendverbänden schon in der Weimarer Republik geleistet worden. Die Marschkolonne und das wehrerzieherische „Geländespiel“ gehörten längst zum jugendkulturellen Repertoire – auch in solchen Gruppierungen, die sich nicht der politischen Rechten zuordneten.[9]

„Schluss mit der Jugendbewegung“

Das Auftreten der HJ als „Bewegung“ brachte jedoch auch Probleme mit sich. Es enthielt das Risiko eigenwilligen, aufmüpfigen Verhaltens jugendlicher Gruppen; es stand quer zu der von Staat und HJ-Führung angestrebten Entwicklung hin zu einer restlos reglementierten Staatsjugendorganisation und zur Pflichtteilnahme am „Jugenddienst“, die dann 1939 endgültig gesetzlich institutionalisiert wurde. Jugendlicher Freiheits- und Bewegungs-Drang musste daher ausgetrieben werden. Und so „säuberte“ ab 1935 die HJ-Führung mit Hilfe der Gestapo ihre Organisation von Requisiten aus der bündischen Szene und von Personen, die deren Tradition anhingen. Vielen wurde dabei – ob zutreffend oder unzutreffend – homosexuelle Orientierung vorgeworfen. Diese galt dem NS-System als „verseuchend“, als bevölkerungspolitische Gefahr. Nun hieß es NS-amtlich: „Schluss mit der Jugendbewegung“, und die HJ-Führerzeitschrift „Wille und Macht“ erteilte dem „Mythos vom Hohen Meißner 1913“ eine strikte Absage: Wo käme die „Jugend des Führers“ hin, wenn sie „eigener Bestimmung“ jugendlicher Gemeinschaften Raum gäbe. In Reaktion auf die Verstaatlichung der NS-Jugendorganisation entwickelte sich eine illegale, an Überlieferungen der Jugendbewegung anknüpfende Jugendszene, die in einigen Regionen der HJ bedrohliche Konkurrenz machte. Die NS-staatlichen Organe und die „Reichsjugendführung“ sahen diese „bündischen Umtriebe“ als „staatsgefährdend“ an und verfolgten sie systematisch, insbesondere dann, wenn „Wehrkraftzersetzung“ zu befürchten war.

Der Weg des jugendlichen Hans Scholl vom systemtreuen Pimpfenführer zum politischen Gegner des NS-Staates, der seinen Widerstand mit dem Tode bezahlte, stellt ein Beispiel dar für die Konflikte, die damit aufbrechen konnten: Die Trennung von der Hitler-Jugend erfolgte in seinem Fall aus einem zunächst unpolitischen Motiv, dem Wunsch nach Autonomie der eigenen jugendlichen Gruppe, und zwar in der Tradition des einstigen Jugendbundes „dj.1.11“.[10] Dessen Gründer Eberhard Köbel lebte jedoch bereits im Exil und war in Verruf geraten, er hatte sich 1932 der KPD angeschlossen. Wegen seiner dj.1.11-Nachfolge wurde Hans Scholl daher 1937 für kurze Zeit inhaftiert, was ihn mit HJ und Hitlerstaat endgültig brechen ließ.

Auf den „Hohen Meißner 1913“ und den dort formulierten Anspruch auf Jugendautonomie, beriefen sich nun die Gegner des Hitlerstaates, so etwa der Kreis um die im Exil gedruckte jugendbewegte Zeitschrift „Kameradschaft“. Einer der Herausgeber, der linkskatholische Pazifist Theo Hespers, wurde 1943 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auch die in der Emigration gegründete „Freie Deutsche Jugend“ wollte an die Tradition der „Freideutschen“ anknüpfen; ihre kommunistischen Aktivisten dachten damals noch an einen pluralistischen Bund junger Antifaschisten, nicht an das Modell einer Staatsjugendorganisation. An das Vorbild der Meißnerjugend erinnerten 1943 auch Radiobotschaften des Nationalkomitees Freies Deutschland, zu dessen Leitungsgruppe nicht nur der frühe Wandervogelführer und spätere KPD- und SED-Politiker Alfred Kurella gehörte, sondern auch andere, nicht kommunistisch geprägte jugendbewegte Hitlergegner. Nicht gering war schließlich auch der Anteil ehemals Jugendbewegter am innerdeutschen Widerstand: Adolf Reichwein, Helga Barth, Alexander Schwab, Harro Schulze-Boysen, Hilde Meisel, Theodor Haubach und Hans Litten seien hier stellvertretend für viele andere genannt, auch für die zahlreichen „namenlos“ Gebliebenen.

„Erinnerungslücken“ nach 1945 – in West und Ost

Nach Kriegsende dominierte in Westdeutschland schon bald die Neigung, die nationalistischen, „völkischen“ und antisemitischen Tendenzen in der Jugendbewegung zu verharmlosen. In Zeiten des Kalten Krieges hatte dieser Umgang mit der Vergangenheit eine systemstabilisierende Funktion. In den Erinnerungsgemeinschaften rund um die Wandervogelburg Ludwigstein und das dortige Archiv der Jugendbewegung hatten sich vor allem Ehemalige aus dem „national“ gesonnenen Sektor der Jugendbünde gesammelt. „Nestbeschmutzer“ dagegen machten sich nicht beliebt. Es dauerte Jahre, bis in diesen Kreisen die Bereitschaft aufkam, mit der eigenen Geschichte kritisch umzugehen. Als Helmut Gollwitzer, selbst als junger Mensch „rechtsbündisch“ aufgewachsen, 1963 auf dem Meißner in einer eindrucksvollen Rede jugendbewegte Irrwege schilderte, stieß er bei manchen Alten Herren der Jugendbewegung auf Unverständnis. Und diese waren regelrecht empört, als Harry Pross, auch er bündisch sozialisiert, über „Giftiges an der Blauen Blume“ publizierte.

Unter Erinnerungslücken, die System hatten, litten dann die drei Bände der schon erwähnten „Dokumentation der Jugendbewegung“. Werner Kindt, ihr Herausgeber, hatte bis 1934 Pressearbeit für die bürgerlichen Bünde gemacht und sich davon mit einem im gleichen Jahr erschienenen Sammelband verabschiedet. Sein Titel lautete „Deutsche Jugend“, Herausgeber war der berühmte NS-Dichter Will Vesper (Vater von Bernward Vesper, selbst Dichter und Verlobter der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin). Diese Publikation war der Versuch, die Jugendbewegung insgesamt als kulturellen und pädagogischen Vorlauf für das „Dritte Reich“ darzustellen. Geschah dies sicherlich in der Absicht, Gruppen und Menschen aus den bürgerlich-nationalen Bünden im neuen Staat größeren Spielraum zu verschaffen, war es doch ein mehr als kläglicher Abgesang. Zudem erwies sich das darin enthaltene Kalkül als realitätsfern: So geschichtsblind waren die neuen nationalsozialistischen Herrenmenschen denn doch nicht, dass sie der Legende Glauben schenken wollten, alle Wege vom Meißner 1913 hätten zur Hitler-Jugend geführt.

Dreißig Jahre nach Kindts Andienen an den Nationalsozialismus erschien von 1963 bis 1974 die vierbändige „Dokumentation der Jugendbewegung“. Obschon reich an historischem Material, lief sie auf selektive Wahrnehmung hinaus. Erstens wurden die schlimmsten politisch-ideologischen Verirrungen im jugendbewegten Milieu nur sehr sparsam dokumentiert.[11] Zweitens bekam die „andere“ Jugendbewegung, von den kriegsgegnerischen und linken bürgerlichen Gruppierungen bis zu den Arbeiterjugendbünden, nur spärlichen Raum. So musste dem Publikum die jungkonservative jugendbewegte Richtung als historisch eigentlich selbstverständliche und zudem harmlose Normalität erscheinen. Drittens wurde das Jahr 1933 zum Ende der jugendbewegten Geschichte erklärt. Damit war verhindert, dass der Blick sich auch auf die Nutzung jugendbündischer Erbschaften in der Hitlerjugend richten konnte, wie auch auf die (linke) jugendbewegte Resistenz gegen den NS-Staat und auf die bündische Illegalität. Viertens schließlich wurden die Teilnahme von Mädchen und jungen Frauen an der Jugendbewegung und der Konflikt um männerbündische Privilegien nur am Rande dokumentiert.

Soviel zu den westdeutschen Gedächtnisschwächen. Höchst fragwürdig und mindestens ebenso instrumentell ging man allerdings auch in der DDR mit der Geschichte der Jugendbewegung um. Hier wurde systematisch aussortiert, was nicht als zielgerichtete historische Vorbereitung auf die inzwischen verstaatlichte FDJ gedeutet werden konnte – oder als Erfolgsgeschichte des einstigen Kommunistischen Jugendverbandes. Nur sehr mühsam konnte der offiziöse Jugendhistoriker Karl Heinz Jahnke im Laufe der Jahre die Duldung einiger thematischer Abweichungen erreichen, die mit dem Parteikanon brachen.

Faktisch geriet die Geschichte der klassischen deutschen Jugendbewegung in die ideologischen Auseinandersetzungen des Kalten Krieges. Auf diese Weise wurde die Sicht auf sie just in dem Augenblick erinnerungspolitisch vernebelt, als sie ihre ebenso wirkungsvolle wie zwiespältige Gesichte hinter sich hatte. Umso wichtiger ist es, dass nun endlich – mit dem Abstand von einhundert Jahren – eine nicht-instrumentelle Beschäftigung mit der ersten deutschen Jugendbewegung erfolgt. Sie hätte es verdient.


[1] Ein Beispiel für Versimpelung der Geschichte der Jugendbewegung liefert der „Spiegel“: Unter der Überschrift „Rassenwahn am Lagerfeuer“ stempelt Gunther Latsch den angeblichen „Ringelpiez“ auf dem Meißner 1913 ab, vgl. „Spiegel Geschichte“, 3/2013, S. 65. 

[2] Barbara Stambolis (Hg.), Jugendbewegt geprägt, Göttingen 2013. 

[3] Dazu Näheres bei Arno Klönne, Es begann 1913. Jugendbewegung in der deutschen Geschichte, Erfurt 2013. 

[4] Der Antifeminismus hat sich dann bald der Hausgeschichtsschreibung bürgerlicher Jugendbewegung bemächtigt; seitdem beherrschten männerbündische Dokumente und Berichte das archivalische Terrain. Das macht sich noch heute bemerkbar: Gewiss nicht zur Freude der Herausgeberin findet sich in dem erwähnten Sammelband „Jugendbewegt geprägt“ unter den einundsechzig Lebensbildern nur eine weibliche Biographie. Bereits 1920 hat die „freideutsche“ Soziologin Elisabeth Busse-Wilson die männerbündlerische „Blüherei“ klug analysiert, in: Die Frau und die Jugendbewegung, Münster 2012 (Neudruck). 

[5] Vgl. Jürgen Kolk, Mit dem Symbol des Fackelreiters – Walter Hammer 1888-1966, Berlin 2013. 

[6] Vgl. Irmgard Klönne, Vom Hohen Meißner zum Kibbuz, Heft 28 der Schriftenreihe „puls“, Stuttgart 2013. 

[7] Christian Niemeyer, Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend, Tübingen 2013. 

[8] Ausführlich dazu Arno Klönne, Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner, Köln 2009. 

[9] Zur „soldatischen“ Sozialisation Jugendlicher im NS-Staat vgl. Arndt Weinrich, Der Weltkrieg als Erzieher, Essen 2013. 

[10] dj.1.11 steht für Deutsche Jungenschaft vom 1. November 1929, die Idee eines jugendautonomen Bundes, der die Jugendbewegung von innen her erneuern sollte. 

[11] Christian Niemeyer beschreibt eindrücklich, wie der Editorenzirkel dies arrangierte, vgl. ders., a.a.O.

(aus: »Blätter« 10/2013, Seite 89-98)
Themen: Geschichte, Kultur und Soziale Bewegungen

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