Ausgabe Mai 2014

Der digitale Dämon

Ein Dämon geht um in unserer schönen neuen Welt. Er zeichnet sich aus durch besondere Kräfte: Er kann nicht nur sehen, was wir denken und tun; er kann auch erkennen, was wir denken und tun werden. Die Zukunft ist seine Passion und sein Metier. Aber er selbst ist alt, er begleitet den Menschen schon sehr lange. Doch nun sind ihm neue Fähigkeiten zugewachsen. Und das verändert alles – nicht zu unseren Gunsten.

Die Zukunft vorhersagen zu können, das erscheint den meisten modernen, rational denkenden Menschen vermutlich als ein hoffnungsloses Unterfangen – und jeder Versuch als eine Art parapsychologischer Scharlatanerie, über die bereits Voltaire pointiert und gnadenlos urteilte: „Der erste Prophet war der erste Schurke, der einem Dummkopf begegnete; also kommt alle Weissagung aus dem grauen Altertum.“

Josef und seine Brüder

Tatsächlich hatten Propheten, die sich unmittelbar vom göttlichen Geist inspiriert zeigten und als dessen Sprachrohr fungierten, in der Regel keinen guten Ruf. Anders dagegen die Seher oder Wahrsager: Schon in der assyrisch-babylonischen Welt des 3. Jahrtausends v. Chr. gab es Weissager, aber ihr Ansehen war weniger das von Schurken als das von Experten, die wichtige Informationen für die Zukunftsplanung boten. Und es waren vor allem die Herrscher, die sich ihrem Handwerk bzw. ihrer Gunst anvertrauten.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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