Ausgabe November 2014

Ein deutscher Sonderweg – und ob!

In der letzten Ausgabe der »Blätter« kritisierte der Historiker Tim B. Müller die These vom „deutschen Sonderweg“, nach dem spezifisch deutsche Traditionen in den Nationalsozialismus geführt haben. Darauf antwortet nicht minder kritisch »Blätter«-Herausgeber Detlef Hensche.

In Krisenzeiten wächst der Bedarf an Orientierung. Die Geschichtswissenschaft will uns da nicht im Stich lassen. Nachdem wir gestern Entlastendes über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfuhren, lesen wir nunmehr Ähnliches über den Untergang der Weimarer Demokratie. Der Machtantritt der Nationalsozialisten war demnach bloß Ergebnis „verfehlten Krisenmanagements“: eine „Kette falscher Entscheidungen von Hindenburg, Papen und einigen anderen Antidemokraten“, deren Aufstieg ins Zentrum der Macht erst durch das Versagen der Regierung Brüning möglich geworden sei. Andere Kräfte und Faktoren, so Tim B. Müller weiter, seien nicht am Werk gewesen, von einem angeblichen „deutschen Sonderweg“ und der mit ihm konnotierten „Untertanengesellschaft“ könne keine Rede sein. Im Gegenteil: Die Entstehungsmöglichkeiten der eigentlich durchaus stabilen Weimarer Demokratie seien bereits im Wilhelminischen Reich gelegt worden.

Die Sichtweise verblüfft. Das Ergebnis ist eine entkernte Geschichte.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.