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Emanzipation oder Backlash

Ehe nach Bedarf

von Antje Schrupp

Die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare hat in den letzten Wochen starken Aufwind bekommen: Zuerst stimmten Ende Mai bei einem Referendum 62 Prozent der Irinnen und Iren für die sogenannte Homo-Ehe, kaum einen Monat später entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass jene Bundesstaaten verfassungswidrig handeln, die gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe verweigern.

Es ist unübersehbar, dass die Zustimmung zur „Ehe für alle“ – ein Ausdruck, der vielerorts die marginalisierende Bezeichnung „Homo-Ehe“ ersetzt hat – inzwischen weitgehend Mainstream ist. Unmittelbar nach der Entscheidung des Supreme Court schaltete Facebook ein Regenbogen-Feature frei: Mit nur einem Klick konnten Nutzerinnen und Nutzer ihre Profilbilder mit einem Regenbogenverlauf unterlegen und damit symbolisch ihrer Freude Ausdruck verleihen. Ganze Timelines verwandelten sich in regelrechte „Gay-Marriage“-Manifestationen.

Ein weiteres Symbolbild, das in den vergangenen Wochen durch die sozialen Netzwerke gereicht wurde, war ein Postkartenspruch: „Was wird sich für heterosexuelle Paare ändern, wenn Homosexuelle heiraten dürfen?“ Antwort: „Nichts!“ Seine Beliebtheit erklärt, warum die Zustimmung in der Bevölkerung zur Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare so groß ist: Sie ist nicht revolutionär gemeint, sondern versteht sich als antidiskriminierende Maßnahme, durch die sich buchstäblich „nichts“ ändert. Aber ist das wirklich so? Und vor allem: Ist das gut oder schlecht?

Wenn man sich die historische Entwicklung des Konstrukts „Ehe“ anschaut, wird deutlich, dass die jetzige Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare mit einer Veränderung zusammenhängt, die nicht politischer, sondern technologischer Natur ist: die Erfindung der In-Vitro-Fertilisation, also der Möglichkeit, ohne Geschlechtsverkehr Schwangerschaften zu erzeugen. Die In-Vitro-Fertilisation ermöglicht es lesbischen Frauen, schwanger zu werden, ohne mit einem Mann zu schlafen. Und sie ermöglicht es schwulen Männern in vielen Ländern der Welt, ihren Kinderwunsch mit sogenannten Leihmüttern auf vertraglicher Basis – oft gegen Geld – zu verwirklichen. Kinderhaben ist heute nicht mehr an Sex gebunden.

Die Geschichte der Ehe

Historisch betrachtet regelt die Institution Ehe die Verantwortlichkeiten im Fall von Elternschaft. Vor der Erfindung der In-Vitro-Fertilisation war sie daher logischerweise heterosexuell ausgelegt: Geschlechtsverkehr zwischen einer Frau und einem Mann war lange Zeit die einzige Möglichkeit, eine Schwangerschaft hervorzubringen. Kurz gefasst stellte die Ehe sicher, dass Männer die Frauen, die von ihnen schwanger wurden, mit der Versorgung des Kindes nicht allein lassen. Gleichzeitig bekamen Ehemänner für diese Verantwortungsübernahme in patriarchalen Kulturen zahlreiche Privilegien zugestanden. Wenn sich Elternschaft heute aber nicht mehr notwendigerweise durch gemeinsamen Sex konstituiert, dann gibt es auch keinen Grund, warum die Ehe auf heterosexuelle Paare beschränkt bleiben sollte.

Dass die Ehe vom Prinzip her kein Institut zur Regelung von Sexualität und romantischer Liebe ist, sondern das regeln sollte, was heute Care-Arbeit genannt wird – also die private, nicht erwerbsmäßige Versorgung hilfsbedürftiger Menschen (in diesem Fall von Kindern) –, wird auch darin deutlich, dass sie in vielen Kulturen weder monogam angelegt war noch auf individueller Zuneigung oder gar „Liebe“ gründete. Die Ehe hat fast überall auf der Welt in erster Linie rechtliche und ökonomische Aspekte. Dass vor allem an Ehefrauen der Anspruch gestellt wurde, sexuell nur mit ihrem Ehemann zu verkehren, hatte weniger mit Vorstellungen von Treue und Hingabe zu tun, sondern sollte sicherstellen, dass Männer nicht für die Kinder anderer Männer aufkommen müssen.

Die Vorstellung, dass Eheleute einander wechselseitig als Individuen mögen, sich sogar lieben, ihre Beziehung als lebenslang und exklusiv verstehen, ist stark vom Christentum geprägt. Als solche hat sie vor allem in Europa und den USA die ideologischen Grundlagen geschaffen, auf denen bis heute über das Thema diskutiert wird. Funktioniert hat das in der Realität meist nur so mittelgut. Auch in Europa war es weithin üblich, dass Ehen nicht aus Liebe, sondern aus politischem Kalkül geschlossen wurden. Die gesamte Minnetradition lebt von der Unterscheidung zwischen Ehe und Liebe: In der europäischen Liebesliteratur gilt beides bis zur Romantik als zweierlei, eben genau deshalb, weil sich in der Ehe politische und ökonomische Interessen ausdrücken, die mit „wahrer Liebe“ zumeist unvereinbar sind.

Erst die Romantik hat der Idee der gefühlsbetonten und lebenslangen Zweierbeziehung Auftrieb gegeben und das Bild des idealen, zu einer Einheit verschmolzenen Paares entworfen. Es sollte alles in sich vereinen: Freundschaft, sexuelle Leidenschaft, gemeinsame Interessen, Kinder, lebenslange Verbundenheit. Das Ideal ist bis heute höchst wirksam und gibt neuerdings eben nicht nur für heterosexuelle Paare die Maßstäbe vor, sondern auch für homosexuelle.

Dabei hätte es auch anders kommen können. Viele schwule Männer aus der Beatnik-Bewegung der 1950er Jahre verbanden mit ihrem selbstbewussten Bekenntnis zum Spaß am Sex mit anderen Männern keineswegs die Idee, diese deshalb heiraten zu wollen. Sie waren vielmehr recht zufrieden damit, gleichzeitig auch Ehefrauen zu haben, die die Kinder versorgten und für die sie – mehr oder weniger zuverlässig – finanziell aufkamen.[1] Eigentlich naheliegend, denn schwuler Sex hat ja eben mit Schwangerwerdenkönnen nichts zu tun.

Sex und Ehe voneinander zu trennen, ist weder absurd noch originell. Es gibt durchaus Kulturen, die es traditionell so handhaben, zum Beispiel die Mosuo in China: Frauen und ihre Kinder leben dort in mütterlichen Clans, während die männlichen Sexualpartner nur „zu Besuch“ kommen. Auch dort haben Kinder männliche Bezugspersonen, allerdings nicht ihre biologischen Väter, sondern ihre Onkel, die im selben Haushalt mit ihnen und ihren Müttern leben.[2]

»Ehe für alle« stärkt die Institution Ehe an sich

Dass sich die Schwulen- und Lesbenbewegung mehrheitlich für die Übernahme des heterosexuellen Ehemodells entschieden hat, war also keineswegs zwangsläufig und lässt sich ohne die nach wie vor starke Verankerung des christlich inspirierten romantischen Zweisamkeitsideals kaum erklären. Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum der Aktivismus für „Homo-Ehen“ in vielen anderen Regionen der Welt nur sehr zögerlich Zustimmung findet. Doch auch im christlich geprägten Westen ist die Begeisterung über den Zugang zur Ehe nicht ungeteilt. Es gibt – neben jenen Kritikern, die auf das christliche Familienbild, bestehend aus Mann und Frau, verweisen – zahlreiche Aktivisten und noch mehr Aktivistinnen, die den Kampf für eine „Ehe für alle“ als stabilisierende Anpassung kritisieren. Er würde nicht von gesellschaftskritischen Impulsen getragen, sondern reklamiere lediglich unberechtigte Privilegien auch für sich selbst.[3]

Dass die Ausweitung der traditionellen christlich-romantischen Ehe auf schwule und lesbische Paare die Institution Ehe symbolisch stärkt und stabilisiert, ist offensichtlich. Fraglich ist aber, ob dies langfristig funktionieren wird. Und zwar nicht in erster Linie deshalb, weil Ehen häufig scheitern, sobald Trennungen nicht mehr mit einem starken sozialen Stigma belegt sind. Sondern weil sich längst neue Formen des gemeinsamen Lebens und Wirtschaftens herausbilden, die für viele Menschen attraktiver sind.

Unter dem Stichwort „Co-Parenting“ wird etwa das Phänomen diskutiert, dass Menschen sich auch außerhalb von romantischen Zweierbeziehungen dazu entscheiden, gemeinsam für Kinder Verantwortung zu übernehmen.[4] Das können zum Beispiel Singles sein, die zwar Eltern sein möchten, aber keine Liebesbeziehung führen wollen. Oder auch lesbische und schwule Paare, die gemeinsam Kinder zeugen und die Elternschaft als Gruppe leben.[5] Oder „normale“ heterosexuelle Elternpaare, die die Verantwortung für ihre Kinder mit anderen befreundeten Menschen auf eine verbindliche Weise teilen.[6] Oder polyamore Beziehungsgruppen, also Menschen, die nicht zu zweit, sondern zu mehreren eine Liebesbeziehung führen und in dieser Konstellation Eltern werden.[7] Inzwischen gibt es sogar mit „Familyship.org“ eine Art Kontaktbörse für „Menschen, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen“ wollen. Diese Lebensformen sind auch eine Folge davon, dass zahlreiche Scheidungen längst solche „Patchworkfamilien“ hervorgebracht haben. Heute „überspringen“ manche eben gleich das Stadium der Ehe davor.

Während einerseits neue Familienformen rund um das Leben mit Kindern entstehen, nimmt andererseits das Bedürfnis ab, eine simple Zweierbeziehung durch eine Eheschließung zu bekräftigen. Dass Menschen Sex miteinander haben oder zusammenleben, ohne verheiratet zu sein, ist heute völlig normal. In Frankreich wählen zahlreiche Paare, die ihre Beziehung vertraglich regeln wollen, nicht die Ehe, sondern einen abgespeckten Pacte civil de solidarité, der ursprünglich für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt wurde, aber inzwischen auch bei Heterosexuellen sehr beliebt ist.[8]

Wenn heutzutage traditionell geheiratet wird, dann steht oft das Ereignis als solches, die schöne Feier im Vordergrund und nicht ein Bekenntnis zu lebenslanger Treue oder der Wunsch nach gemeinsamen Kindern. Längst sind auch hier Eheverträge Standard, die die rechtlichen Implikationen einer Ehe teilweise wieder aufheben – etwa die Gütergemeinschaft. Auch von politischer Seite werden die klassischen Verbindlichkeiten einer Ehe sukzessive relativiert, etwa mit der Abschaffung des Unterhaltsanspruchs für ehemalige Ehepartnerinnen, sofern sie nicht gemeinsame Kleinkinder versorgen.

Sorgegemeinschaften sind die zeitgemäßen Ehemodelle

Die gegenwärtige Ehe entfernt sich somit zunehmend von ihrem ursprünglichen Sinn: Viele Familienkonstellationen, die verbindliche Sorgegemeinschaften mit Kindern bilden, bleiben vom Genuss ehelicher Privilegien ausgeschlossen, während andererseits der Wunsch zu heiraten nicht unbedingt mit dem Bedürfnis einhergeht, Kinder zu haben und langfristig eine echte Wirtschaftsgemeinschaft zu bilden.

Das Thema wird noch komplexer, wenn man sich klarmacht, dass die traditionelle Aufgabe von Ehen, nämlich Care-Arbeit in nahen Beziehungsstrukturen zu ermöglichen und dafür rechtliche, finanzielle und soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, sich nicht nur auf die Versorgung von Kindern beschränkt. Angesichts des demographischen Wandels gewinnen auch andere Bereiche, etwa die gegenseitige Unterstützung bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit, an Bedeutung.

Wenn konservative Gegnerinnen der „Homo-Ehe“ wie die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer daher einwenden, dann könne man ja gleich auch Inzest und Polygamie erlauben, besteht eigentlich wenig Anlass, dieses Szenario als propagandistisch und absurd zurückzuweisen. Vielmehr könnte man zurückfragen: Warum eigentlich nicht?

Das wird besonders deutlich am deutschen Ehegattensplitting. Es wird von kritischen Stimmen in der Regel mit dem Argument abgelehnt, es gebe keinen Grund, kinderlose Ehepaare finanziell zu fördern, zumal damit ein Anreiz für Frauen verbunden ist, auf Erwerbsarbeit zu verzichten. Aber aufgrund der Notwendigkeit von Care-Arbeit ist es wichtig, dass Menschen die Möglichkeit haben, auf Erwerbsarbeit zu verzichten, wenn sie Zeit brauchen, um für Andere Sorgearbeit zu leisten – seien es Kinder, Kranke oder Pflegebedürftige. Das wirtschaftsliberale Credo, dass alle „für sich selbst sorgen“ müssen, bedeutet konkret den Zwang zur Erwerbsarbeit für alle und lässt die Frage offen, wer dann unter welchen Bedingungen die notwendige unbezahlte Care-Arbeit erledigen soll.[9]

Insofern wären Überlegungen zu einer „Ehe für wirklich alle“ durchaus sinnvoll. Sie können sich aber nicht länger an der Frage festmachen, wer mit wem Sex hat oder wer mit wem eine romantische Liebesbeziehung führt. Beim heutigen Stand von Geburtenkontrolle und Reproduktionstechnologie ist die Frage, wer mit wem schläft und wer wen liebt, tatsächlich Privatsache, die die Gesellschaft und den Staat nichts angeht. Mit der Frage, wer für wen sorgt und wer mit wem eine verantwortliche – auch ökonomische – Lebensgemeinschaft eingeht, hat sie nicht mehr notwendigerweise etwas zu tun.[10]

Genau an dieser Frage aber haben sich zeitgemäße „Ehemodelle“ – inklusive finanzieller Vergünstigungen und rechtlicher Sicherheit für diese Modelle – zu orientieren: Sie müssen generationenübergreifende Gemeinschaften fördern, in denen Menschen verbindlich füreinander sorgen und sich langfristig für andere verantwortlich fühlen, auch ökonomisch. Wenn man die historischen Wurzeln der Ehe berücksichtigt, dann ist das auch kein so neuer Gedanke – im Gegenteil.

 


[1] Vgl. Brenda Knight, Women of the Beat Generation, Newburyport 1998, insbesondere S. 62 ff.

[2] Vgl. Lugu Lake Mosuo Cultural Development Association, www.mosuoproject.org.

[3] Vgl. z.B. Nadine Lantzsch, Ehe abschaffen! Und bis dahin Eheprivilegien umverteilen, www.maedchenmannschaft.net, 1.7.2015.

[4] Vgl. Louise Carpenter: Echte Wunschkinder, in: „der Freitag“, 29.1.2014.

[5] Vgl. Ute Zauft, Der Traum vom Kind, in: „Der Tagesspiegel“, 30.6.2015.

[6] Vgl. zum Beispiel das Blog „Gemeinsam Eltern“, http://gemeinsameltern.blogsport.de.

[7] Vgl. Lisa Seelig, Vater, Vater, Mutter, Kind, www.zeit.de, 7.12.2010.

[8] Vgl. Katrin Rönicke, Lass uns einen Pakt schließen, in: „der Freitag“, 18.6.2015.

[9] Auch wenn es möglich ist, Teile der ehemals von „Hausfrauen“ unbezahlt geleisteten Arbeit in Erwerbsarbeit zu überführen, so ist das aus verschiedenen Gründen nicht für das gesamte Volumen der notwendigen Care-Arbeit eine Lösung. Vgl. dazu Ina Praetorius, Wirtschaft ist Care, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2015 (kostenloser Download unter www.boell.de) sowie Gabriele Winker, Care Revolution, Bielefeld 2015.

[10] Vgl. dazu Or Kasthi, Elderly sisters fight to be legally recognized as a „couple“, in: „Haaretz“, 3.7.2015.

(aus: »Blätter« 8/2015, Seite 9-12)
Themen: Recht, Frauen und Sozialpolitik

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