Syrien: Das mörderische Patt | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Syrien: Das mörderische Patt

von Patrick Cockburn

In Syrien und im Irak ändern sich derzeit die militärischen Kräfteverhältnisse. Die russischen Luftschläge, die seit Ende September erfolgen, stärken die noch vor kurzem erschöpft wirkende, auf dem Rückzug befindliche syrische Armee und heben ihre Kampfmoral. Mit der russischen Luftunterstützung konnte die Armee jüngst in Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, und in seiner Umgebung in die Offensive kommen. Gleichzeitig versucht sie in der Provinz Idlib verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Wie es heißt, übermitteln Kommandeure syrischer Bodentruppen der russischen Luftwaffe tagtäglich die Koordinaten von 400 bis 800 möglichen Zielen, von denen allerdings nur einige wenige unmittelbar darauf angegriffen werden. Die Aussichten auf einen Sturz der Regierung Baschar al-Assads – der ohnehin nie so nahe bevorstand, wie viele behaupteten – schwinden dahin, was aber durchaus nicht heißt, dass er siegen wird.

Dass Russland in Syrien militärisch eingreift, hat zwar im Westen Politiker und Medien zu rhetorischen Ausbrüchen im Stil des Kalten Krieges provoziert, dabei aber zugleich von einer ebenso bedeutsamen Entwicklung abgelenkt: nämlich dem Scheitern des US-Luftkriegs gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS). Dieser war im August 2014 im Irak begonnen und später auf Syrien ausgeweitet worden, um den IS und andere Gruppen vom Typ Al Qaida zu schwächen. Bis Oktober 2015 hatte die amerikanisch geführte Koalition 7323 – größtenteils von der U.S. Air Force geflogene – Luftschläge geführt, davon 3231 im Irak und 2487 in Syrien. Doch dieser Luftkrieg konnte ersichtlich den IS nicht eindämmen, der im Mai Ramadi im Irak und das syrische Palmyra eroberte. Erheblich weniger Luftangriffe galten dem syrischen Zweig von Al Qaida – Dschabat al-Nusra – und der extremen Islamistengruppe Ahrar al-Scham, die den Aufstand im nördlichen Teil Syriens dominieren.

Das Scheitern der amerikanischen Strategie

Das amerikanische Scheitern hat politische wie militärische Aspekte: Die USA brauchen Partner, die den Bodenkrieg gegen den IS ausfechten. Dabei haben sie allerdings wenig Auswahl, weil es hauptsächlich Schiiten sind, die tatsächlich gegen die sunnitischen Dschihadisten kämpfen – nämlich der Iran und die libanesische Hisbollah sowie die syrische Armee und die schiitischen Milizen im Irak. Keiner dieser Kräfte können die Vereinigten Staaten aber umfassende militärische Kooperation anbieten, weil dies sie den sunnitischen Staaten entfremden würde, den eigentlichen Stützen amerikanischer Machtentfaltung in der Region. So bleiben den USA nur die Kurden, die ihre Luftstreitkräfte aus der Luft unterstützen.

In Syrien und im Irak stehen die Vereinigten Staaten heute vor dem gleichen Dilemma wie nach 9/11, als George W. Bush den Antiterrorkrieg ausrief. Man wusste damals, dass 15 der 19 Flugzeugentführer – wie auch Osama bin Laden selbst – Saudis waren und dass das Geld für die Anschläge von saudischen Spendern stammte. Doch die USA wollten Al Qaida nicht auf Kosten ihrer guten Beziehungen zu den sunnitischen Staaten bekämpfen, dämpften daher jede Kritik an Saudi-Arabien und marschierten stattdessen im Irak ein. Auch Pakistan haben sie nie wegen seiner Unterstützung der Taliban angegriffen, was es dem Land gestattete, sich nach dem Machtverlust von 2001 neu aufzustellen.

Washington versuchte das Scheitern seines offiziell als Operation Inherent Resolve (etwa: „Gebotene Entschlossenheit“) bezeichneten Luftkriegs durch übertriebene Erfolgsmeldungen herunterzuspielen. Der Presse wurden Landkarten gezeigt, die beweisen sollten, dass der Islamische Staat 25 bis 30 Prozent seines Territoriums nicht mehr kontrolliere. Gleichzeitig aber waren auf ihnen eben jene Teile Syriens nicht zu sehen, in denen der IS gerade vorrückte. Die Nachrichtenunterdrückung und -manipulation seitens der US-Regierung nahm solche Ausmaße an, dass im Juli 2015 fünfzig für das U.S. Central Command tätige Analysten eine Protesterklärung gegen die amtliche Verzerrung des Kriegsgeschehens unterzeichneten. Jetzt macht Russland sich das amerikanische Scheitern im Kampf gegen die Dschihadisten zunutze.

Das Ringen zwischen Schiiten und Sunniten

Doch Großmächterivalität erklärt nur eine der Konfrontationen, die in Syrien stattfinden, und die Fixierung auf Russlands Eingreifen lenkt von anderen wichtigen Entwicklungen ab. So hat sich das regionale Ringen zwischen Schiiten und Sunniten in den letzten Wochen intensiviert, ohne dass die Außenwelt dies sonderlich beachtet hätte.

Für die schiitischen Staaten im gesamten Mittleren Osten gab es nie ernsthafte Zweifel daran, dass sie sich mit den von Saudi-Arabien angeführten sunnitischen Staaten und deren Verbündeten in Syrien und im Irak in einem Kampf auf Leben und Tod befinden. Führende Schiiten weisen die in Washington beliebte Vorstellung zurück, dass es eine zahlenmäßig relevante, gemäßigte und nicht sektiererische sunnitische Opposition gebe, die zu einer Machtteilung in Damaskus und Bagdad bereit sei. Sie halten das für bloße Propaganda, die von Saudi-Arabien und Katar unterstützte Medien verbreiten.

Was die Frage betrifft, ob Assad sich in Damaskus an der Macht halten kann, ist das zunehmende Engagement der schiitischen Mächte ebenso bedeutsam wie das russische Eingreifen aus der Luft. Erstmals werden jetzt Einheiten der iranischen Revolutionsgarden in Syrien eingesetzt, hauptsächlich in Aleppo und Umgebung. Derweil warten Berichten zufolge Tausend Kämpfer der Hisbollah und aus dem Iran darauf, von Norden her anzugreifen. Mehrere hohe iranische Kommandeure kamen in letzter Zeit bei den Kämpfen zu Tode. Die Mobilisierung der schiitischen Achse ist so bedeutsam, weil in den am intensivsten in die Kämpfe verwickelten Staaten – obwohl es in der muslimischen Welt insgesamt weit mehr Sunniten als Schiiten gibt – über hundert Millionen Schiiten leben. Sie fürchten – für den Fall, dass Assad stürzt – um ihre eigene Existenz. Ihnen stehen in dem betroffenen Raum gerade einmal dreißig Millionen Sunniten gegenüber, die lediglich in Syrien in der Mehrheit sind.

Der Kampf der Kurden

Neben der russisch-amerikanischen Rivalität und dem Ringen zwischen Schiiten und Sunniten gewinnt eine dritte Entwicklung zunehmend Einfluss auf den Kriegsverlauf: der Kampf der 2,2 Millionen Kurden. Die Kurden machen etwa zehn Prozent der syrischen Bevölkerung aus und streben die Schaffung eines kurdischen Eigenstaats, den sie Rojava nennen, im Nordosten Syriens an. Seit die syrische Armee im Sommer 2012 aus den drei kurdischen Enklaven abzog, haben die Kurden sich als militärisch äußerst erfolgreich erwiesen. Heute kontrollieren sie ein Gebiet, das sich über 250 Meilen entlang der türkischen Südgrenze zwischen Euphrat und Tigris hinzieht. Der syrische Kurdenführer Salih Muslim sagte mir im September, die kurdischen Kämpfer beabsichtigten, westlich des Euphrat vorzurücken, den letzten vom IS kontrollierten Grenzübergang zur Türkei bei Jarabalus einzunehmen und die Verbindung mit der syrisch-kurdischen Enklave bei Afrin herzustellen. Die Türkei, die sich dann an ihrer Südgrenze plötzlich über weite Strecken hin kurdischen Streitkräften mit amerikanischer Luftunterstützung gegenüber sähe, erfüllt diese Vorstellung mit Schrecken.

Die syrischen Kurden erklären, in ihren Volksschutzeinheiten (YPG) stünden 50 000 Männer und Frauen unter Waffen – wobei man im Mittleren Osten allerdings gut daran tut, alle Zahlenangaben über militärische Kräfte erst mal zu halbieren. Sie sind die einzige Streitmacht, die dem IS wiederholt Niederlagen beibringen konnte, so auch in der langen Schlacht um Kobane, die im Januar 2015 endete. Die YPG verfügen nur über leichte Waffen, sind aber äußerst schlagkräftig, wenn sie ihre Angriffe mit amerikanischer Luftunterstützung koordinieren können. Es ist nicht auszuschließen, dass die Kurden die Stärke ihrer Position übertreiben. Doch Rojava ist derzeit der sicherste Teil Syriens, wenn man von der Mittelmeerküste absieht.

Das gilt allerdings nur im Vergleich mit der chronischen Unsicherheit im Rest des Landes, wo selbst im von der Regierung gehaltenen Zentrum von Damaskus täglich Mörsergeschosse explodieren, die aus Exklaven der Opposition abgefeuert werden. Die Frontlinien sind sehr lang und durchlässig, so dass der IS einsickern und Überraschungsangriffe starten kann.

Als ich im September von Kobane auf einer für sicher gehaltenen Straße nach Kamischli, einer anderen großen Kurdenstadt, fuhr, wurde ich in einem arabischen Dorf angehalten. Man erklärte mir, YPG-Kräfte suchten gerade nach fünf oder sechs IS-Kämpfern, die in der Gegend gesehen worden seien. Einige Kilometer weiter stürzte in Tal Abijad, einem Städtchen, das die YPG im Juni dem IS abgenommen hatten, eine Frau auf die Straße, um den Polizeiwagen vor mir zu stoppen. Sie habe gerade eben einen bärtigen IS-Kämpfer in schwarzer Kleidung über ihren Hof rennen sehen, erklärte sie. Die Polizei sagte, es gebe immer noch IS-Männer in der Stadt, die sich in verlassenen Araberhäusern versteckten. Eine halbe Stunde später durchquerten wir Ras al-Ajin, das die Kurden seit zwei Jahren halten, als ich plötzlich ein auffälliges Geräusch hörte. Es klang nach einer Schießerei, doch wie sich herausstellte hatte sich am nächsten Kontrollposten ein Selbstmordattentäter in seinem Auto in die Luft gesprengt und dabei fünf weitere Menschen getötet. Zur gleichen Zeit zündete an einem Checkpoint, den wir eben erst passiert hatten, ein Mopedfahrer eine Bombe, wobei jedoch nur er selbst zu Tode kam. Die YPG mögen den IS aus diesen Gebieten vertrieben haben, aber seine Kämpfer haben sich nicht weit zurückgezogen.

Unzählige Siege und Niederlagen auf den Schlachtfeldern in Syrien und im Irak wurden im Laufe der letzten vier Jahre vermeldet, doch die wenigsten waren entscheidend. Zwischen 2011 und 2013 galt es im Westen und großen Teilen des Mittleren Ostens als ausgemacht, dass Assad gestürzt werden würde, genau wie vor ihm Ghaddafi. Ende 2013 und das darauffolgende Jahr hindurch war dann klar, dass Assad immer noch die meisten bewohnten Gebiete kontrollierte. Dann sorgten jedoch die Erfolge der Dschihadisten in Nord- und Ostsyrien im Mai 2015 dafür, dass man aufs Neue mit einem Zusammenbruch des Regimes rechnete. In Wirklichkeit werden wohl weder die Regierung noch ihre Gegner kollabieren: Keiner der Kriegsparteien mangelt es an Anhängern, die bis zum bitteren Ende kämpfen wollen.

Zu stark, um besiegt zu werden, zu schwach, um zu siegen

Wir haben es mit einem echten Bürgerkrieg zu tun. Vor einigen Jahren sagte mir ein irakischer Politiker in Bagdad: „Das Problem im Irak ist, dass alle Seiten sowohl zu stark als auch zu schwach sind: zu stark, um besiegt zu werden, und zu schwach, um zu siegen.“ Gleiches gilt heute für Syrien. Selbst wenn eine der Kriegsparteien zeitweilig verliert – ihre ausländischen Unterstützer werden sie wieder auf die Beine bringen. Den dahinsiechenden Nicht-IS-Teil des syrischen Widerstands retteten 2014 Saudi-Arabien, Katar und die Türkei; und in den vergangenen Wochen retteten Russland, Iran und die Hisbollah Assad. Alle haben zu viel zu verlieren: Russland braucht nach zwanzig Jahren des Zurückweichens einen Erfolg in Syrien, während die schiitischen Staaten sich gegen einen Triumph der Sunniten stemmen.

Es wird schwerfallen, das militärische Patt aufzubrechen. Das Schlachtfeld ist riesig, die Frontlinien erstrecken sich vom Iran bis zum Mittelmeer. Wird das Eingreifen der russischen Luftwaffe ein neues Kräftegleichgewicht in der Region herbeiführen? Wird Russland mehr Erfolg haben als die Amerikaner und ihre Verbündeten? Um einen Luftkrieg zu gewinnen, braucht man, selbst wenn er mit Präzisionswaffen geführt wird, Partner zu Lande, die Ziele ausmachen und den Flugzeugen über ihnen die Zielkoordinaten mitteilen.

Für die USA funktionierte dieses Verfahren, als sie in Afghanistan 2001 die Nordallianz gegen die Taliban unterstützten, desgleichen 2003 im Nordirak, als sie die irakischen Peschmerga im Kampf gegen die Armee Saddam Husseins stärkten. Russland kann hoffen, jetzt durch die Kooperation mit der syrischen Armee ähnlich erfolgreich abschneiden zu können. Es gibt Anzeichen dafür, dass es tatsächlich so kommt: So berichteten am 18. Oktober 2015 unabhängige Beobachter, offenbar russische Kampfflieger hätten einen IS-Konvoi von 16 Fahrzeugen vernichtet und in der Nähe von Rakka, der syrischen Hauptstadt des Islamischen Staats, vierzig Kämpfer getötet.

Doch die russische Luftunterstützung wird für einen Sieg über den IS und andere Gruppen vom Typ Al Qaida nicht ausreichen. Denn in ihrem jahrelangen Kampf gegen amerikanische, irakische und syrische Streitkräfte haben die IS-Krieger beachtliche militärische Fähigkeiten erworben. Zu ihren Kampfformen gehören multiple, gut koordinierte Bombenanschläge durch Selbstmordattentäter, manchmal mit gepanzerten LKWs, die mehrere Tonnen Sprengstoff transportieren, sowie der massenhafte Einsatz von IEDs – sogenannten Unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen – oder Sprengfallen. Der IS legt Wert auf gründliche Aus- und Fortbildung und auf Religionsunterricht. Seine Scharfschützen sind berühmt für ihre Fähigkeit, auf der Suche nach einem Ziel stundenlang stillzuhalten. Im Allgemeinen operiert der IS wie eine Partisanenarmee, die sich auf Überraschungs- und Ablenkungsangriffe verlässt, um ihre Feinde zu verunsichern.

Die Schwäche der Rebellen

Im Laufe der letzten drei Jahre wurde mir klar, dass man durch den Besuch von Militärkrankenhäusern am besten herausfinden kann, was wirklich vor sich geht. Die meisten Patienten, Augenzeugen der Kämpfe, langweilen sich und erzählen nur zu gern, was sie erlebt haben.

Im Juli 2015 besuchte ich das Hussein-Krankenhaus in Kerbela, der heiligen Stadt der Schiiten, wo eine Station für verwundete Kämpfer der Haschid Schaabi, einer schiitischen Miliz, reserviert war. Viele dieser Milizionäre waren einem Appell des Großajatollah Ali Sistani gefolgt, der nach der Eroberung Mossuls durch den IS im vergangenen Jahr zu den Waffen rief. Ich sprach mit Oberst Salah Radschab, dem stellvertretenden Kommandeur des Habib-Bataillons der Ali-Akbar-Brigade, der nach der Amputation seines rechten Unterschenkels das Bett hüten musste. Der Mann hatte 16 Tage lang in Baidschi gekämpft, einer am Tigris gelegenen Stadt nahe der größten irakischen Ölraffinierie, als dicht neben ihm eine Mörsersalve einschlug, die zwei seiner Männer tötete und vier verletzte.

Als ich mich nach den Schwächen seiner Truppe erkundigte, erklärte er, die Leute seien begeisterte Kämpfer, aber schlecht ausgebildet. Sein Urteil zählt, denn er hatte als Berufssoldat in der irakischen Armee gedient, bevor er sie 1999 verließ. Radschab klagte, seine Männer würden nur drei Monate lang ausgebildet, bräuchten aber sechs. Deshalb machten sie folgenschwere Fehler, beispielsweise den, mit ihren Handys zu viel herumzutelefonieren. Der IS hört solche Gespräche ab und kann dem Gegner aufgrund der gewonnenen Informationen schwere Verluste beibringen. Das größte Problem der wahrscheinlich ungefähr 50 000 Mann starken Haschid-Truppe besteht im Mangel an erfahrenen Kommandeuren, die in der Lage sind, einen Angriff zu organisieren und die Verluste gering zu halten.

In einem anderen Bett derselben Station lag Omar Abdullah, ein achtzehnjähriger Freiwilliger. Er war gerade mal 25 Tage lang ausgebildet worden, bevor er in den Kampf um Baidschi geschickt wurde, wo er durch eine Bombenexplosion Arm- und Beinbrüche erlitt. Was er erzählte, bestätigte Oberst Radschabs Worte über begeisterte, aber unerfahrene Milizionäre, die in IS-Fallen gingen und schwere Verluste hinnehmen mussten. Als wir in Baidschi eintrafen, sagte Abdullah, „schossen Scharfschützen auf uns, und wir rannten in ein Haus, um in Deckung zu gehen. Wir waren dreizehn Mann, und wir merkten nicht, dass das Haus mit Sprengstoff vollgestopft war.“ Der wurde dann von einem IS-Kämpfer, der das Haus im Auge behielt, gezündet. Die Explosion tötete neun der Milizionäre und verletzte die restlichen vier. Auch erfahrene Soldaten sind schon in solche Fallen gegangen. Auf der gleichen Krankenstation erzählte mir ein Feuerwerker, ein Experte für das Aufspüren und Entschärfen von Sprengstoff, wie er mit der Untersuchung einer verdächtig aussehenden Holzbrücke über einen Kanal beschäftigt war, als einer seiner Männer die Brücke betrat und dadurch eine Bombe zur Explosion brachte. Sie tötete vier Mitglieder des Räumungsteams und verletzte drei weitere.

IS: Überlegenheit aus dem Hinterhalt

Daran, welche Verletzungen vorkommen, zeigt sich, welche Kampfformen überwiegen. Die meisten Kämpfe finden in Städten oder jedenfalls in bebauten Gebieten statt – oft als Häuserkampf, der hohe Verluste fordert. Syrische, kurdische und irakische Soldaten beschrieben mir, wie sie von Scharfschützen getroffen wurden, als sie an Checkpoints Dienst taten, oder wie Minen und Sprengfallen ihnen Verletzungen zugefügt hatten.

Im Mai 2015 sprach ich im Schahid Khavat-Krankenhaus der nordostsyrischen Stadt Kamischli mit einem achtzehnjährigen kurdischen YPG-Kämpfer namens Dschawad Dschudi. Ihm war die Wirbelsäule durchschossen worden, als seine Einheit ein christliches Dorf bei Hassaka von IS-Kämpfern säuberte. „Wir hatten uns in drei Gruppen aufgeteilt, die versuchten, das Dorf anzugreifen“, sagte er. „Da gerieten wir unter intensiven Beschuss von hinten und aus den Bäumen beiderseits von uns.“ Der junge Mann war immer noch von der Erkenntnis traumatisiert, dass der untere Teil seines Körpers für immer gelähmt bleiben würde.

Für manche Soldaten sind es nicht nur die im Kampf erlittenen Verletzungen, die ihr Überleben gefährden. 2012 traf ich im Mezze-Militärhospital in Damaskus Mohammed Diab, einen 21jährigen Soldaten der syrischen Armee. Er war ein Jahr zuvor in Aleppo von einer Kugel getroffen worden, die seinen linken Unterschenkel zertrümmerte. Als er halbwegs wiederhergestellt war, hatte er sich in sein Heimatdorf Rahija in der Provinz Idlib begeben – ein gefährlicher Schritt, den Rahija wurde von Oppositionellen kontrolliert. Als diese hörten, dass sich ein verwundeter Regierungssoldat im Dorf aufhalte, nahmen sie Diab in Geiselhaft und hielten ihn fünf Monate lang fest. Sie nahmen ihm sogar seine Metallschiene ab und gaben ihm ein Holzstück, das er ersatzweise an sein Bein schnallen sollte. Schließlich konnte ihn seine Familie mit einem Lösegeld im Gegenwert von 1000 US-Dollar freikaufen, aber sein Bein hatte sich entzündet. Deshalb lag er jetzt wieder im Krankenhaus.

Gewaltdurchtränktes Syrien

In gewisser Weise hatten die Soldaten, mit denen ich sprach, trotz allem Glück gehabt: Immerhin waren sie ins Krankenhaus gekommen. In Kobane müssen Tausende von IS-Kämpfern verwundet worden sein. Siebenhundert amerikanische Luftangriffe haben über 70 Prozent der Häuser dieser Stadt zerstört. In Damaskus wiederum wurden ganze Stadtbezirke, in denen die Opposition herrschte, durch Artilleriebeschuss und Fassbomben der Regierungsseite in Schutt und Asche gelegt. Seit März 2011 sind der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge 250 124 Syrer getötet sowie schätzungsweise zwei Millionen verwundet wurden – und das bei einer Bevölkerung von 22 Millionen. Das Land ist geradezu gewaltdurchtränkt. Im vergangenen September reiste ich in das Städtchen Tal Tamir bei Hassaka, wo es den oben erwähnten Dschawad Dschudi erwischt hatte. Der Islamische Staat hatte sich zurückgezogen, aber die Leute trauten sich immer noch nicht, in ihre Häuser zurückzukehren – soweit diese überhaupt noch standen. Ein Vertreter der Stadtverwaltung sagte, er bemühe sich, die Leute zur Rückkehr zu bewegen. Doch deren Zögerlichkeit konnte kaum überraschen: In der Vorwoche hatte man auf dem Markt von Tal Tamir eine dem Anschein nach schwangere Araberin festgenommen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Selbstmordattentäterin, der es nicht gelungen war, die unter dem schwarzen Gewand um ihren Bauch geschnallten Sprengkörper zu zünden.

Noch haben das russische Eingreifen in Syrien, das stärkere Engagement des Iran und anderer schiitischer Kräfte sowie der Aufstieg der syrischen Kurden den Status quo im Irak und in Syrien nicht entscheidend verändert. Es könnte aber durchaus dazu kommen. Die russische Präsenz macht ein militärisches Eingreifen der Türkei gegen die syrischen Kurden und die Regierung in Damaskus weniger wahrscheinlich. Allerdings müssten die Russen, die syrische Armee und ihre Verbündeten, um tatsächlich eine Kriegswende herbeizuführen, einen gewichtigen Sieg erzielen – etwa die von den Rebellen gehaltene Hälfte Aleppos erobern.

Assad wird seine erfahrenen Kampfverbände jedoch kaum in aufreibende Häuserkämpfe der Art verstrickt sehen wollen, wie sie mir die verwundeten Soldaten in den Krankenhäusern geschildert haben. Andererseits befindet sich die russische Luftkriegsführung der amerikanischen gegenüber insofern im Vorteil, als sie der Unterstützung einer kampftüchtigen regulären Armee dient. Die Vereinigten Staaten haben es nie gewagt, Angriffe gegen den IS zu fliegen, wenn dieser gegen die syrische Armee vorging. Washington wollte nicht beschuldigt werden, Assad an der Macht zu halten. Das amerikanische Vorgehen bedeutet, dass die USA, sieht man von den Kurden ab, zu Lande ohne wirkliche Partner bleiben, und die Effektivität der Peschmerga ist außerhalb mehrheitlich kurdisch bevölkerter Gebiete begrenzt.

Die lähmende Schwäche der US-Strategie sowohl in Syrien wie im Irak besteht in der (Selbst-)Täuschung, dass es auf sunnitischer Seite eine „gemäßigte Opposition“ gebe oder dass man eine solche schaffen könne. Bei aller Schärfe der amerikanischen Vorwürfe gegen das Eingreifen Russlands gibt es in Washington durchaus Leute, die einen Vorteil darin sehen: Wenn Russland tut, was die Vereinigten Staaten selbst nicht tun können. Indessen ringt Großbritannien immer noch mit sich, ob es in den amerikanisch geführten Luftkrieg eintreten soll, offenbar ohne zu merken, dass dieser seinen Hauptzweck bereits verfehlt hat.

(aus: »Blätter« 12/2015, Seite 51-58)
Themen: Naher & Mittlerer Osten, Außenpolitik und Krieg und Frieden

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