Maos Spiel mit dem Feuer | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Maos Spiel mit dem Feuer

Public Domain Foto: Public Domain

von Norbert Seitz

Die „Große Proletarische Kulturrevolution“, die vor 50 Jahren begann, gilt bis heute als das größte Trauma in der Geschichte der KP Chinas. Sie forderte 1,5 bis 1,8 Millionen Todesopfer und die gleiche Anzahl an dauerhaft körperlich Versehrten. Etwa 22 bis 30 Millionen Chinesen waren direkt politisch verfolgt und über 100 Millionen von „Sippenhaft“ betroffen. Kein Wunder, dass die aktuellen Partei- und Staatsführer jeden Ansatz von Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik im Keim ersticken, fürchten sie doch eine Destabilisierung der Politik durch historische Negativbeispiele.

Über den offiziell konzedierten „Katastrophen“-Befund hinaus ist eine kritische Aufarbeitung nur im privaten Rahmen oder über Umwege in Hongkong, Taiwan oder in westlichen Sprachen möglich. Ebenfalls existieren unzählige persönliche Erinnerungstexte, Lokalchroniken und Nachforschungen von Parteikomitees vor Ort, die historische Vergehen dokumentieren, von den psychotherapeutischen Zeugnissen Zehntausender traumatisierter Volksgenossen nicht zu reden. In der Wissenschaft gehen die Meinungen über die historische Bedeutung der Kulturrevolution bis heute weit auseinander. Doch Daniel Leese, Sinologe an der Freiburger Universität, legt sich fest – in seiner prägnanten Analyse über Ursachen, Verlauf und Folgen dieses immer noch leicht ungläubig bestaunten Jahrhundertereignisses. Auch wenn das Kennzeichen der Kulturrevolution im Mangel an klar definierten Zielen bestanden habe, „ohne den radikalen Versuch des Parteivorsitzenden Mao Zedong, sein revolutionäres Erbe ohne Rücksicht auf Opfer und Loyalitäten zu sichern […], wäre die breite Unterstützung für Deng Xiaopings Reformpolitik nach 1978 kaum denkbar gewesen“. So ebnete erst Maos Massenverbrechen der Modernisierung des Landes unter seinem Nachfolger den Weg.

Seit dem „Großen Sprung nach vorn“, einem katastrophal endenden Industrialisierungsversuch, bei dem von 1958 bis 1962 rund 45 Millionen Chinesen den Hungertod starben, war der charismatische Gründer der Volksrepublik nicht mehr ganz unangefochten. Mao fürchtete ernsthaft um seinen historischen Rang – und, dass ähnlich wie in der Sowjetunion nach Stalin auch nach seinem Tod eine Art „Entmaoisierung“ stattfinden könnte. Deshalb kehrte der „Große Steuermann“ mit einem Heilsversprechen aus der Versenkung zurück, ein „großes Chaos unter dem Himmel“ schaffen zu wollen, um zu einer erneuerten „großen Ordnung“ zu gelangen. Weil Mao sich schon zu Beginn der Kulturrevolution seiner Widersacher entledigt hatte, hält Daniel Leese eine rein machtpolitische Begründung für zu kurz gegriffen. Mao habe vielmehr die Gefahr gesehen, dass die revolutionäre Bewegung einschlafen und eine Theorie der friedlichen Überwindung der Klassengegensätze in den Vordergrund rücken könnte. Nach seiner tiefen Überzeugung durfte aber der Klassenkampf gegen permanent aufzuspürende „bourgeoise Elemente“ niemals erlahmen. „Revisionistische“ Aufweichungstendenzen witterte er hinter jeder außenpolitischen Annäherung an die USA, dem Konzept der „friedlichen Koexistenz“ oder der Möglichkeit einer bloß parlamentarischen Überwindung des Kapitalismus.

Was sich aus der betonideologischen Sicht des Marxismus-Leninismus als logisch und konsequent anhören mochte, lief jedoch in der horriblen Realität auf die Entfesselung allen destruktiven Potentials hinaus. Der Unterschied zu den Terrorapparaten eines stalinistischen Totalitarismus bestand wiederum darin, dass zu diesem Zweck – historisch einmalig! – ein kommunistischer Parteiführer direkt an die Massen der Jugend appellierte. „Wie aber sollte die junge Generation, die größtenteils ohne Revolutions- oder gar Kriegserfahrung aufgewachsen war, entsprechende Eigenschaften entwickeln, und wogegen sollte sie rebellieren?“, fragt Daniel Leese. „Für Mao Zedong stellte die Kulturrevolution die Antwort auf diese Fragen dar.“ Sie sollte – durch eine wagemutige und unausweichlich gewaltsame Massenbewegung – ein „proletarisches Bewusstsein“ in der Bevölkerung forcieren.

Nach Leese stiften solche ideologisch aufgesetzten Begründungen aber bis heute Verwirrung über die wahren Motive Maos, der nie genauer habe klar machen können, woher der Revisionismus im Lande komme. Damit habe er aber in geradezu diabolischer Weise einem Großteil der Dynamik in der Bewegung Vorschub geleistet. Evidenter erscheinen dem Autor die gesellschaftlichen Ursachen der Kulturrevolution. Denn im kommunistischen Großreich hatte sich tatsächlich Ärger angestaut über fortbestehende Privilegien, die quer zu den egalitären Idealen standen. Im Volk herrschte tiefe Unzufriedenheit wegen der Entstehung einer strikten Sozialhierarchie mit einem hochgradig ausdifferenzierten Status- und Gehaltsgefüge. So fand die Aufforderung, gegen Autoritäten im Erziehungswesen, in Kunst und Literatur sowie gegen Parteiführer zu rebellieren, große Resonanz. Sie war gleichsam das Ventil eines Protests gegen Missstände unterschiedlichster Art.

Maos Spiel mit dem Feuer traf nicht nur „reaktionäre“ Lehrer und Professoren, sondern auch Ordnungshüter und frühere Machthaber, wie den ehemaligen Staatspräsidenten Liu Shaoqi, der, mit Tränen und Blut im Gesicht und einer chinesischen Verfassung in der Hand, vor den Rotgardisten um sein Leben gebettelt haben soll. Die Verunsicherung im und auf dem Lande über die traumatisierenden Gewaltexzesse war immens. Der „Große Steuermann“ musste daher umsteuern, zumal die Wirtschaft in China schweren Schaden an dem hintersinnig inszenierten Chaos genommen hatte.

Doch damit wurde eine noch größere Gewaltwelle ausgelöst. Auf den rotgardistischen Schrecken folgt der Terror der Staatsmacht. Daniel Leeses Untersuchung macht Schluss mit der Legende, dass zahlenmäßig die meisten Grausamkeiten auf die Mao-Kappe der im Westen medial so bestaunten Rotgardisten gegangen seien. Neueren Untersuchungen zufolge erreichte die Kulturrevolution zwischen 1968 und 1971 auf dem Lande die höchsten Opferzahlen, vor allem durch die Gründung neuer Revolutionskomitees, die sich aus staatlichen Akteuren und Militärs rekrutierten. Gleichzeitig wurden Millionen städtischer Rotgardisten an die proletarische Basis, in die Mongolei und Mandschurei, landverschickt. Auch wenn sich Mao immer ein „Moment der Ambiguität“ bei der Steuerung der Prozesse bewahrt habe, seine Rechnung ging am Ende nicht auf. Denn wenn er der geistige Anführer der jungen Rebellen war, warum ließ er sie dann im Herbst 1967 bereits wieder fallen? Die letzte Phase der Kulturrevolution begann 1971 mit einem abrupten außenpolitischen Kurswechsel und der Rehabilitierung früherer Revisionisten, wie dem Wirtschaftsexperten Deng Xiaoping. Dieser war aus der Zwangsarbeit in einer Traktorfabrik als stellvertretender Ministerpräsident zurück an die Macht gelangt, um bald nach Maos Tod 1976 einen gigantischen ökonomischen Wandel in Gang zu setzen. Der Historiker Gerd Koenen, selbst früher maoistischer Aktivist an der Universität, spricht im „taz“-Interview von einer „Umkrempelung“ Chinas auf eine gewiss vollkommen andere Weise, als sie dem großen Führer vorgeschwebt hatte: „Die Parteiführer, die durch dieses Fegefeuer der Kulturrevolution hindurchgegangen sind, die setzen jetzt wieder völlig auf Ordnung. Aber was sie entfesselt haben, das ist diese explosive Mobilisierung von ökonomischem Potential“.

Die objektive Schwierigkeit einer Aufarbeitung der Kulturrevolution liegt bis heute darin begründet, dass sich die Rollen so oft vertauscht haben: Parteikader, die in der Frühphase der Bewegung häufig Opfer waren, wurden in den späteren Phasen zu Tätern. Deshalb spricht Leese auch von einer „Zweiteilung der Erinnerung“ – dem Versuch der Zuspitzung aller Schuld auf eine relativ kleine Gruppe von Personen, zum Beispiel um die „Viererbande“ der Mao-Witwe Jiang Qing, und eine schlussstrichhafte Parteiresolution von 1981 für den offiziell gültigen Sprach- und Interpretationsgebrauch. In dieser unterschied man zwischen den „hehren Motiven“ Maos und der „kriminellen Ausbeutung seiner Ideen“, während seinem eigenen Wirken zu 30 Prozent Fehler und 70 Prozent Leistungen attestiert werden.

Daniel Leese kritisiert aber auch die Aufarbeitung der Kulturrevolution im Westen. Sie konzentriere sich bis heute zu stark auf die städtischen Opfer des Terrors und die Landverschickung der Rotgardisten und zu wenig auf die Entwicklung im ländlichen Raum und in den Grenzgebieten. Er plädiert deshalb für eine rasche Historisierung – um dieses kolossale Ereignis über eine stärkere Differenzierung der einzelnen Phasen endlich zu entmystifizieren.

Daniel Leese: Die chinesische Kulturrevolution 1966-1976, Verlag C.H. Beck Wissen, München 2016, 128 S., 8,95 Euro.

(aus: »Blätter« 8/2016, Seite 121-123)
Themen: Asien und Geschichte

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