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Medien ohne Selbstkritik?

Public Domain Foto: Public Domain

von Markus Vollack

In der April-Ausgabe der »Blätter« schrieb der neue Chef des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall, über die Bedrohung des traditionellen Journalisten durch die neuen Medien. Dem widerspricht entschieden der Blogger und Politikwissenschaftler Markus Vollack. 

Dass der „Journalismus unter Beschuss“ liegt, wird man angesichts der massiven ökonomischen Krise nicht bezweifeln wollen. Als Hauptgefahr sieht Frank Überall neben den wirtschaftlichen Einbußen jedoch Blogger, Social-Media-Aktivisten sowie diejenigen, welche die Medien mit dem Lügenpresse-Vorwurf belegen. Er spricht von „Hass-Blogs, Hass-Mails, Hasskommentaren“ sowie von tätlichen „hasserfüllten Angriffen“ auf Journalisten bei Demonstrationen und Kundgebungen. Natürlich sind dies beklagenswerte Auswüchse einer neuen Wut(un)kultur, die sich aber längst nicht nur auf den digitalen Bereich beschränkt. Doch Überalls Auseinandersetzung mit der Krise des Journalismus greift entschieden zu kurz. Weder gibt es eine sachliche Analyse, warum so viel Kritik – und eben nicht nur „Hass“ – in der Bevölkerung gegenüber den Massenmedien vorhanden ist, noch eine schonungslose und ehrliche Selbstreflexion über den aktuellen Zustand von Berufsjournalisten und Leitmedien. Und dieser Zustand ist – bei aller Berechtigung seiner grundsätzlichen Verteidigung – keineswegs tadellos.

Der DJV-Chef verteidigt zu Recht das Grundrecht auf Presse- und Meinungsfreiheit. Sie seien für eine Demokratie entscheidend, weil sie eine gesellschaftliche Bindungskraft erzeugen würden. Allerdings beschwört er den Mythos der unabhängigen „vierten Gewalt“, die jedoch schon etliche Journalisten, die aus dem Nähkästchen geplaudert haben, als eine Berufslegende dekonstruierten: Auch wenn noch so oft die Aufklärungs- und Vermittlertätigkeit von Leitmedien und Journalisten hervorgehoben wird, sie selbst sind und können auch niemals frei sein von Subjektivität, Überzeugungen, ökonomischen Abhängigkeiten, redaktionellen Vorgaben und Anpassungsdruck.

»Der Vorwurf, primär die Bürger würden in einer ›Filterblase‹ leben, ist absurd.«

Interessant ist, dass Frank Überall, während er die etablierten Medien verteidigt, die Medienkritiker, Blogger und Social-Media-Autoren allesamt pauschal als „fünfte Gewalt“ bezeichnet, die den seriösen Journalismus bedroht. Die laienhaften Bürgerjournalisten würden in einer „Filterblase“ leben und keine handwerklichen sowie professionellen Tugenden kennen, wie beispielsweise die „möglichst objektive Darstellung von Fakten“. Stattdessen würden sie sich lieber auf Mitteilungen beschränken, die „ihrem eigenen Weltbild“ entsprechen.

In Zeiten des PR-Journalismus – in denen es in einigen Ländern mehr PR-Leute als Journalisten gibt[1] – samt Advertorials mit werbefinanzierter Meinungsfreiheit durch Anzeigen, Dutzenden Atlantik-Brücke-Journalisten bei öffentlich-rechtlichen und privaten Medien, einer ausufernden Hofberichterstattung, in der jede Erklärung abseits des politisch Erlaubten als Verschwörungstheorie gebrandmarkt wird, und einer fast flächendeckend einseitigen Berichterstattung bei vielen Themen (Hartz IV, Riesterrente, Putin/Russland, Syrienkrieg, GdL-Streik, Syriza/Griechenland, Ukrainekonflikt etc.) – ist der Vorwurf, primär die Bürger würden in einer „Filterblase“ leben, absurd. Das Gegenteil trifft zu: Die Nachrichten der Massenmedien werden seit jeher nach spezifischen Kriterien gefiltert und beeinflusst. Bezeichnenderweise haben die Politikwissenschaftler Thomas Leif und Rudolf Speth daher schon 2006 den Lobbyismus zur „fünften Gewalt“ gekürt.[2]

Angesichts der ökonomischen Krise greift diese Art von Zensur neuerdings noch tiefer – sie erfolgt nämlich zunehmend auch durch die Journalisten selbst: „Es ist halt ein fruchtbarer Boden für die Zensur, wenn man als Journalist eine Familie mit zwei Kindern ernähren muss und auf Basis von Zeitverträgen arbeitet. Irgendwann ertappt man sich bei der Selbstzensur – weil man seinen Job behalten will“, so ein anonymer Redakteur des öffentlichen Auslandssenders „Deutsche Welle“.[3]

Welches Thema schafft es auf die Seite eins, und wovon ist nicht die Rede? Wieso lesen wir wochenlang vom Schmähgedicht Jan Böhmermanns, während die katastrophalen Bedingungen der Flüchtenden an der türkischen Grenze kaum noch eine Nachricht wert sind? Warum bestimmt der Blick auf die Quoten auch die öffentlich-rechtlichen Sender und was könnten wir dafür tun, dass sehenswerte Dokumentationen dort nicht nur spät in der Nacht gesendet werden? Diesen kritischen Fragen an der Berichterstattung der bürgerlichen Leitmedien stellt sich Frank Überall leider nicht. Stattdessen arbeitet er sich am Begriff der „Lügenpresse“, an Pegida sowie an gewalttätigen Nazis auf Kundgebungen und Demonstrationen ab.

»Warum gibt es rechte Anwürfe an die ›Lügenpresse‹ und linke Kritik an der ›Systempresse‹?«

Aber warum gibt es rechte Anwürfe an die „Lügenpresse“ und linke Kritik an der „Systempresse“ überhaupt? Dieser Frage verweigert sich Überall. Stattdessen folgt er der bekannten Devise: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Am Vertrauensverlust der Massenmedien seien demnach nicht sie selbst, sondern die Bürger schuld, die das demokratische System und das Grundrecht der Pressefreiheit in Frage stellen würden. Wer also die Mainstream-Medien kritisiere, auch von linker Seite aus, sei demokratiefeindlich.

Vollkommen absurd wird es, wenn Überall die sozialen Medien als „unsoziale Medien“ diffamiert, die ihr Publikum mit „unangemessenen Zuspitzungen und üblen Gerüchten, die aus zweifelhaften Quellen stammen“ würden, gewinnen wollen. Sicher, gerade Facebook ist kein Hort sachlicher Auseinandersetzungen – und gerade hier sind die Menschen tatsächlich in ihren Filterblasen gefangen. Doch ein Hort sachlicher Debatte sind „Bild“, „Spiegel“, FAZ, „Welt“ und Co. auch nicht immer. Denn gerade die Massenmedien haben sich seit Jahrzehnten ein ganzes Arsenal an durchaus auch bedenklichen Methoden angeeignet, um Quote, Aufmerksamkeit, Reichweite, Leserzahlen und Marktanteile zu ergattern: Skandalisierung, Personalisierung, Entertainisierung, Boulevardisierung, Agenda Setting, Emotionalisierung, Falschzitate, Kampagnenjournalismus, Tendenzen zur Selbstgleichschaltung, Click-Bait-Überschriften und so weiter und so fort.

Ein relevantes Gegengewicht dazu sind – neben unabhängigen Printmedien – gerade Online-Blogs wie bildblog.de oder uebermedien.de. Deren aufklärerische Arbeit zu unterschlagen und sie mit aufputschenden Wutblogs in einen Topf zu werfen, ist kein seriöser Journalismus.

»Was Wahrheit ist, bestimmen wir, lautet noch immer die Devise der Etablierten.«

Die große Angst der Journalisten und Medieneigentümer liegt wohl primär im Verlust der Meinungs- und Deutungshoheit. Im digitalen Zeitalter ist es um ein Vielfaches leichter, alternative Sichtweisen – abseits des Mainstreams – zu verbreiten. Journalisten können anscheinend bis heute nicht damit umgehen, dass der öffentlich-mediale Diskurs nicht mehr nur von ihnen geprägt wird. „Was Wahrheit ist, bestimmen wir“, lautet noch immer die Devise.

„Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“, wusste schon Paul Sethe, Gründungsherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, im Jahr 1965. An dieser Macht der Medien-Tycoons hat sich nichts Grundsätzliches geändert. Das Journalistenprivileg, Themen und Meinungen zu setzen, ist somit weiterhin vorhanden. Aber heute gibt es zumindest die Möglichkeit, in einen offenen Diskurs zu treten bzw. Widerspruch einzulegen, während man früher höchstens Leserbriefe schreiben konnte, die dann, falls sie zu kritisch waren, einfach nicht veröffentlicht wurden.

Es ist also umgekehrt: Nicht die neuen Medien verhindern den offenen Austausch, sondern indem einige Journalisten einen offenen, sachlichen und ja, manchmal auch kritischen Austausch mit ihren Lesern überhaupt verweigern, offenbaren sie, dass sie an echter Meinungs- und Diskursfreiheit gar nicht interessiert sind.

Daran wird auch der „ideelle Rettungsschirm“ für Berufsjournalisten, den Frank Überall von der Politik fordert, nichts ändern. Es ist von besonderer Ironie: Nachdem Journalisten jahrzehntelang in den allermeisten Zeitungen den Neoliberalismus befürwortet und gepredigt haben, holt er sie nun selbst ein.

Verlage werden aufgekauft, Gehälter gekürzt, Arbeitsplätze abgebaut. Wie Presseleute in derart prekären Beschäftigungsverhältnissen qualitativ gut recherchierte, objektive und unabhängige Artikel verfassen sollen, bleibt wohl das Geheimnis der Eigentümer. Aber vielleicht ist all das auch gar nicht mehr gewollt?

Anstatt verzweifelt nach der Politik zu rufen, bedarf es einer ehrlichen und schonungslosen Selbstreflexion der Medienschaffenden – sowie einer fundierten Kritik an den Interessen der Medieneigentümer. Genau dies aber können und werden bezahlte und ökonomisch abhängige Berufsjournalisten wohl kaum leisten können.

Hinzu kommt ein Letztes: Diejenigen, die in den letzten 15 Jahren Skandale und Affären aufgedeckt haben, waren in der Regel gerade keine gut bezahlten Redakteure, sondern ökonomisch unabhängige Whistleblower, die den Kampf zum Teil mit dem Verlust ihrer beruflichen Existenz zu bezahlen hatten. Auch das sollte dem neuen Chef der Journalisten-Innung zu denken geben.

 


[1] In den USA soll es 200 000 PR-Arbeitsplätze geben, denen 100 000 hauptberufliche Journalisten gegenüberstehen. Für Deutschland sei das Verhältnis zwei Drittel zu einem Drittel – noch zugunsten der Journalisten. Vgl. Gerhard A. Pfeffer, Der PR-Markt in Deutschland (Zahlen – Daten – Fakten), www.pr-journal.de.

[2] Thomas Leif und Rudolf Speth, Die fünfte Gewalt: Lobbyismus in Deutschland, Wiesbaden 2006; vgl. auch www.lobbycontrol.de.

[3] Im Interview mit der „jungen Welt“, 15.5.2014.

(aus: »Blätter« 7/2016, Seite 31-33)
Themen: Medien und Demokratie

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