Ausgabe März 2016

Gesucht wird ein neues Wir

Für einen realistischen Humanismus in der Integrationsdebatte

Lange Zeit wurde mit großer Selbstverständlichkeit behauptet, Immigration sei eine Bereicherung für die Gesellschaft. Das kann sie sicher werden, doch die Veränderungen, die durch die Migration verursacht werden, rufen auch ein Gefühl des Verlustes hervor. Sowohl die Neuankömmlinge als auch die Alteingesessenen sehen eine vertraute Welt verschwinden. Das ist der Anfang einer Veränderung, und daraus erwächst die Frage, wie daraus eine wirkliche Erneuerung der Gesellschaft entstehen kann, eine Erneuerung, die die Betroffenen selbst mit der Zeit als eine Bereicherung empfinden.

Studien zur amerikanischen Immigrationsgeschichte bieten dafür einen Anhaltspunkt. Der Soziologe Robert Ezra Park sprach bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von einem „Zyklus“ der ethnischen Beziehungen, in dem es drei Stadien gibt: Vermeidung, Konflikt, Akzeptanz. Diesen Zyklus können wir als eine Methode betrachten, mit dem Verlust der Sicherheiten umzugehen. Vermeidung meint hier, dass man einer neuen Wirklichkeit aus dem Weg geht, man ignoriert, dass sich etwas Wesentliches verändert. Solange die Menschen einander nicht begegnen, hat es den Anschein, als berühre die Ankunft von Migranten die Gesellschaft nicht wirklich. Die Konflikte entstehen, wenn die Unumkehrbarkeit der Veränderungen nicht mehr verdrängt und daher nicht länger ignoriert werden kann, was verloren geht.

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