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Lob des langen Atems

Nachruf auf Andreas Buro (1928 - 2016)

Dialog-Kreis (privat) Foto: Dialog-Kreis (privat)

von Roland Roth

Wir trauern heute gemeinsam um den Verlust eines ungewöhnlichen und großartigen Menschen. Andreas Buro war dies nicht nur für seine Nächsten und Freunde, sondern er hat – wie kaum ein anderer – über fast 60 Jahre hinweg außerparlamentarische Politik in der Bundesrepublik mitgeprägt.

Dies gilt zuallererst für die diversen Friedensbewegungen und -initiativen, angefangen mit der „Sag-Nein!“-Bewegung gegen die Wiederaufrüstung und der Internationale der Kriegsdienstgegner in den 1950er Jahren über die Ostermärsche der 60er und die sie tragende Kampagne für Demokratie und Abrüstung bis zur neuen Friedensbewegung, die sich in den späten 70er und den frühen 80er Jahren an der Neutronenbombe und dem Nato-Nachrüstungsbeschluss entzündete – und es gilt für all die Initiativen, die bis heute versuchen, diese Impulse zu verstärken.

Die Zahl der Netzwerke und Zusammenschlüsse, in denen Andreas über die Jahre seine Themen, sein Engagement und seine politische Urteilskraft eingebracht hat, ist kaum zu überschauen – ich erinnere nur an das Netzwerk Friedenskooperative, den Dialog-Kreis Türkei-Kurdistan, das Forum Zivile Konfliktbearbeitung, die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), die Helsinki Citizens‘ Assembly (HCA) oder das regionale Friedensnetz Usinger Land. Für diese enorme politische Lebensleistung wurde er unter anderem mit dem Aachener und dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet.

Das Geheimnis seines Durchhaltevermögens

Zu Beginn der 1970er Jahre hatte ich mir Andreas Buro, zufällig der gleiche Jahrgang wie mein leiblicher Vater, zum Wunsch- und Ersatzvater auserkoren. Er hatte mich an der Frankfurter Universität für die „links“-Redaktion geworben, er förderte mich, schätzte meine Ideen und bald freundeten wir uns an. Was aber faszinierte mich, der ich damals im Milieu der besetzten Häuser des Frankfurter Westends in einer vom „Revolutionären Kampf“ geprägten politischen Subkultur lebte, an Andreas so sehr, dass er zu meinem Wunschvater wurde?

Es waren Haltungen und Eigenschaften, die viele faszinierten, die Andreas näher kennenlernten: Verlässlichkeit, ein kühler analytischer Verstand, verständnisvolle Wärme und eine große Bereitschaft, die Motive der nachwachsenden Generation zu verstehen – gepaart mit der Bereitschaft, zentrale Elemente in das eigene Politikverständnis aufzunehmen. Was bei meinen eigenen Eltern, wie der großen Mehrheit ihrer Generation, massive Ablehnung und größte Befürchtungen auslöste, fand seine Unterstützung.

Aber Andreas verkörperte gleichzeitig Eigenschaften und Haltungen, die in meiner eigenen Generation damals eher unpopulär waren – einer politischen Generation, in der Radikalität für viele zur Pose geworden war, die zur permanenten Selbstüberbietung nötigte.

Das dazugehörende Sponti-Motto lautete: „Immer radikal, niemals konsequent!“

Andreas stand stattdessen schon damals für ein konsequentes und dauerhaftes politisches Engagement. Er signalisierte damit den Jüngeren, dass es zwar darauf ankommt, immer wieder neue zeitgemäße Formen des politischen Handelns zu erfinden – aber bitte solche politische Formen, die langfristig gelebt werden können. Dies sei schon deshalb angesagt, weil radikale gesellschaftliche Veränderungen notwendig sind, um dauerhaft Frieden, Menschenrechte und Demokratie in einer internationalen Ordnung zu schaffen, in der diese „Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können“ – wie es in Artikel 28 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt. Solche Veränderungen können nicht über Nacht erreicht werden. Das Lob des langen Atems verknüpft mit der Bereitschaft, organisatorisch immer wieder neue Wege zu gehen, hat ihn zu einem wichtigen Brückenbauer zwischen den politischen Generationen werden lassen – eine Funktion, die Andreas, wenn ich es richtig sehe, ein Leben lang wahrgenommen hat.

Worin aber besteht das Geheimnis seines Durchhaltevermögens und seiner enormen politischen Produktivität?

Ein Schlüssel liegt sicherlich in einem von Andreas für sich selbst und seine politischen Netzwerke immer wieder reklamierten Konzept: „soziale und politische Lernprozesse“. Er hat sich und uns immer wieder die Frage gestellt, wie emanzipatorische gesellschaftliche Lernprozesse unter den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen möglich werden können, welche widerständigen Motive aufzugreifen sind. Dazu braucht es, davon war Andreas überzeugt, immer erneuter Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Akteure, die auf Veränderungen drängen.

Dazu gehört auch, die eigenen Lernprozesse im Blick zu behalten. Andreas hat dies in offener und gänzlich uneitler Form immer wieder getan. Er nennt sich zum Beispiel selbst einen „unpolitischen bürgerlichen Pazifisten“, als er Anfang der 60er Jahre dem jungen, von der Arbeiterbewegung geprägten Klaus Vack zunächst mit tiefem Misstrauen begegnete,[1] bis er zur dann gemeinsamen Grundüberzeugung gelangte, radikale Gesellschaftsveränderung – in der Tradition der undogmatischen Linken also „Sozialismus“ – sei nötig, um die menschlichen Möglichkeiten unserer Gesellschaft entfalten zu können.

Zum Nachdenken über Lernprozesse gehört es aber auch, enttäuschte Hoffnungen, wie zum Beispiel im Falle Vietnams, zu bearbeiten. Andreas hat sich früh für einen Internationalismus eingesetzt, der nicht revolutionaristisch und identifikatorisch kurzschließt, sondern sich nur im Austausch über wechselseitige Abhängigkeiten und Rückwirkungen entwickeln kann. Globales Denken und Handeln war für ihn selbstverständlich, lange bevor „Globalisierung“ zur Signatur einer Epoche wurde. Andreas war nicht nur bis zuletzt der friedenspolitische Sprecher des „Komitees für Grundrechte“, sondern auch sein „Außenminister“.

Sozialistisches Büro und die Zeitschrift »links«

Bei der Gründung des Sozialistischen Büros und der Zeitschrift „links“ im Jahr 1970 ging es Andreas und den anderen Initiatorinnen und Initiatoren darum, die politisch-kulturellen Aufbrüche der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die bereits die letzte Phase der Ostermarschbewegung geprägt hatten, zu bewahren: eine neue politische Kultur, die auf Selbstorganisation und Selbstveränderung, auf Konsensprinzip statt auf Übermächtigung und Fraktionierung setzte. Als Beitrag „zur besseren Kommunikation der unabhängigen Linken“ „ohne Monopolanspruch“[2] setzte das Sozialistische Büro einen Kontrapunkt zu den neugegründeten proletarischen Parteien und anderen Dogmatisierungen und Radikalisierungen im Zerfallsprozess der APO. „Links“ trat an gegen „den Konsum revolutionär anmutender Euphorien“. Auch im Rückblick erscheint das Sozialistische Büro als „Insel der Vernunft“.

Aber die Gründung lebte auch vom Schwung der APO. Auf die selbstgestellte Frage „Warum machen wir ‚links’ – eine sozialistische Zeitung“ heißt es in der ersten Ausgabe: „Anders als noch vor einigen Jahren ist die Frage nach einer unabhängigen sozialistischen Bewegung heute in der Bundesrepublik aktuell“. Ihre Entwicklung „kann nur Prozesscharakter haben“. Gefordert war zudem eine neue, nicht autoritäre Antwort auf die Frage nach der internationalen Kooperation der Linken“.[3]

In dieser Ausgabe begründete Andreas, wieso er die „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“, die „Ostermarschbewegung“, die er wesentlich mitgeprägt hat, an ihr Ende gekommen sah. Es handelte sich aus seiner Sicht um wichtige Sammelbewegungen zu einer einzigen Thematik. Mit deren Ausweitung und Vertiefung war es nicht mehr möglich, mit einer Stimme zu sprechen, da sich ein erhoffter Lern- und Annäherungsprozess der beteiligten Gruppen nicht eingestellt hatte und die vorhandenen Widersprüche spätestens nach der militärischen Niederschlagung des „Prager Frühlings“ nicht mehr zu überbrücken waren.[4]

Dabei gibt er zu bedenken: „An bestimmten Konzeptionen, die bisher die Arbeit der Ostermarschbewegung bestimmt und diese Bewegung aus vielen anderen Versuchen der Vergangenheit positiv herausgehoben haben, wäre freilich festzuhalten: so vor allem an der Einsicht, dass oppositionelle Aktionen nicht der Bestätigung scheinbarer oder echter eigener Radikalität, sondern der Ausweitung oppositionellen Bewusstseins und oppositionellen Engagements zu dienen haben. Oppositionelle werden sich in der Aktion weiterhin auf zwei vielbelächelte Verhaltensweisen einrichten müssen: auf Frustrationen und auf Kompromisse“.[5]

Auf der Suche nach neuen gesellschaftlichen Strukturen

Was sich bei der Gründung bereits motivisch ankündigt, macht Andreas Buro ein Jahrzehnt später konzeptionell deutlicher.[6] Er bekräftigte das Ziel, qualitativ neue gesellschaftliche Strukturen hervorzubringen. Der Weg dorthin werde durch soziale, emanzipatorische Massenlernprozesse ermöglicht und die Aufgabe sozialistischer Politik sei es, sie zu fördern und zu ermöglichen.

Andreas nannte in diesem Zusammenhang verschiedene Motivquellen, wie zum Beispiel eine unmittelbare Betroffenheit, die den Anlass für Bürgerinitiativen bieten, die Ausbreitung postmaterialistischer Werte wie Partizipation und Selbstverwirklichung, aber auch Verletzungen der moralischen Identität, der Normen und Werte einer Gesellschaft durch eine Politik, die zum Beispiel den Völkermord in Vietnam als Verteidigung der Freiheit verkaufte. Nicht zuletzt erinnerte er an die Eindämmung durchaus vorhandener gesellschaftlicher Möglichkeiten, die bereits Herbert Marcuse in den 60er Jahren als surplus repression gegeißelt hatte.

Solche Protestmotive können sich verbrauchen und herrschaftlich umgebogen werden. Um zu dauerhafter emanzipatorischer Motivation zu gelangen, braucht es deshalb, so Andreas, positive neue Einbindungen: die „Entfaltung alternativer Lebenszusammenhänge, Projekte und Umgangsformen“.

Er begrüßt die ökologische Opposition und die Anti-AKW-Bewegung als „zentrale Ergänzung“ linker Gesellschaftskritik. „Hatte die außerparlamentarische Opposition der 60er und 70er Jahre eine weitreichende Kritik der kapitalistischen Produktionsweise und der bürgerlichen Gesellschaft geliefert, so scheinen jetzt aus der Ökologiebewegung heraus Ansätze entwickelbar zu sein, die Antworten auf die Frage nach der Alternative und den Wegen zu ihr in den gemeinsamen Lernprozess einbringen könnten“.[7] Hoffnung, aber auch die vielen Konjunktive sind unüberhörbar.

Komitee für Grundrechte und Demokratie

„Lernprozesse“ taugt auch als Überschrift für die Gründung des Komitees für Grundrechte und Demokratie, an der sich Andreas maßgeblich beteiligt hatte und dessen Sprecher er viele Jahre wurde. Zu dessen Vorgeschichte gehören der Pfingstkongress des Sozialistischen Büros von 1976 und das sich anschließende Russell-Tribunal.

Politische Ausgangspunkte waren die Gefährdungen der Grund- und Menschenrechte und der Abbau der Demokratie in einer „zweiten Restaurationsphase“ der Bundesrepublik. Einige der Stichworte dürften heute vergessen oder selbstverständlich geworden sein: Berufsverbote, Hochsicherheitstrakte, die Situation in den Gefängnissen, Einschränkungen des Demonstrationsrechts, ein expansiver Verfassungsschutz und dazugehörige Geheimdienstskandale. Jedenfalls ist sich das Komitee in den 35 Jahren seiner Arbeit in diesen Zielsetzungen treu geblieben. Die Themen haben zwar vielfältige technologische Modernisierungen und politische Zuspitzungen erfahren, aber nichts an grundlegender Aktualität verloren, wenn wir uns die Skandale von NSA bis NSU und solche Diagnosen wie Postdemokratie oder monitory democracy anschauen.

Wer sich an das Engagement des Komitees – nicht zuletzt von Andreas – in der neuen Friedensbewegung erinnert, an die Präsenz des Komitees in vielen anderen Protesten vom Wendland bis zu Occupy, generell an den Versuch, Menschenrechtspolitik mit den Mitteln sozialer Bewegungen zu betreiben und zivilen Ungehorsam in der Bundesrepublik heimisch zu machen, der kann unschwer erkennen, dass hier erneut Elemente früherer Protest- und Bewegungsphasen im Sinne politischer und sozialer Lernprozesse bewahrt wurden.

Neue Initiativen kamen hinzu, wie beispielsweise Friedens- und Verständigungsprozesse inmitten von „heißen“ Kriegen wie in Ex-Jugoslawien („Ferien vom Krieg“) oder in akuten Konflikten durch die Organisation von Begegnungen zwischen palästinensischen und jüdischen jungen Menschen.

Andreas hat ein großes politisches Freundschafts- und Engagement-Netzwerk hinterlassen. Lasst uns daran arbeiten, so viel wie möglich davon zu erhalten, zeitgemäß weiter zu entwickeln und junge Leute zu gewinnen. Seine Grundidee, auf soziale und politische Lernprozesse zu setzen, ist ebenso wenig obsolet, wie sein zentrales Ziel, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Frieden, Menschenrechte und Demokratie zur ihrer DNA geworden sind. Er hinterlässt uns die Aufgabe, nach aktuellen emanzipatorischen Lernchancen und politischen Projekten auf der Grundlage sorgfältiger Analysen zu suchen – auch wenn Frieden, Menschenrechte, Demokratie und Sozialismus aktuell keine oder nur wenig Konjunktur haben, aber das macht diese Aufgabe umso dringlicher.

*Dies ist die leicht gekürzte Abschiedsrede für Andreas Buro, die Roland Roth auf dessen Trauerfeier in Hundstadt am 30. Januar 2016 gehalten hat.


[1] Vgl. das Geburtstagsbuch für Klaus und Hanne Vack, Komitee für Grundrechte und Demokratie, 1985, S. 35.

[2] Vgl. „links“, 0-Nummer, 4/1969.

[3] Ebd., S. 2.

[4] Ebd., S. 30 f.

[5] Ebd., S. 31.

[6] Vgl. „Verschlungene Pfade. Lernprozesse und Emanzipation“, „links“-Sondernummer, Mai 1980, S. 50-52.

[7] Ebd., S. 71.

(aus: »Blätter« 3/2016, Seite 29-32)
Themen: Krieg und Frieden, Geschichte und Wissenschaft

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