Ausgabe Mai 2016

Loblied auf einen Kommunisten

Die „New York Times“ veröffentlichte kürzlich einen bemerkenswerten Nachruf, obwohl der Tod der betreffenden Person außerhalb ihres Familien- und Freundeskreises kaum Beachtung gefunden hatte. Das überrascht nicht. Delmer Berg war keine Berühmtheit. Er war weder besonders wohlhabend noch einflussreich. Ein öffentliches Amt bekleidete er nie. Er war Kalifornier. Er arbeitete in der Landwirtschaft und als Steinmetz. Er warb Mitglieder für die Gewerkschaft und war stellvertretender Vorsitzender seiner Ortsgruppe der NAACP (der Nationalen Vereinigung zur Förderung Farbiger). Er demonstrierte gegen den Vietnamkrieg und gegen Atomwaffen. 1943 war er der Kommunistischen Partei der USA beigetreten und ist, der „New York Times“ zufolge, für den Rest seines Lebens ein „unbeirrbarer Kommunist“ geblieben. Als er starb, war er 100.

Außerdem war er, soweit bekannt, der letzte überlebende Veteran der Abraham Lincoln Brigade.

Wenige Amerikaner unter 70 haben von der Lincoln Brigade gehört. So nannte man die etwa 3000 zumeist amerikanischen Freiwilligen, die 1937 und 1938 im Spanischen Bürgerkrieg kämpften. Sie kämpften auf der Seite der Republikaner zur Verteidigung der demokratisch gewählten Linksregierung Spaniens und gegen die Nationalisten, die von General Francisco Franco geführten aufständischen Truppen.

Die Nationalisten kämpften gegen den Kommunismus und für die Restauration der Monarchie, während die Republikaner sich zum Kampf für die Erhaltung der Demokratie bekannten. Die ersteren wurden von Faschisten geführt, während Kommunisten – sowohl solche der zynischen wie solche der naiven Sorte – die letzteren zu kontrollieren versuchten. Und dem republikanischen Lager schlossen sich idealistische Freiheitskämpfer aus dem Ausland an.

Die Lincoln Brigade wurde ursprünglich als Bataillon bezeichnet und war eine von mehreren Freiwilligeneinheiten, die zu den Internationalen Brigaden gehörten. So nannte man die Zehntausenden ausländischer Freiwilliger, die aus Dutzenden von Ländern kamen und von der Komintern, der von den Sowjets kontrollierten kommunistischen Weltorganisation, organisiert und im Wesentlichen auch geführt wurden. Francos Nationalisten wurden von Nazideutschland und Mussolinis Italien unterstützt.

Spanien wurde zum Schauplatz, auf dem die drei mächtigsten Ideologien des 20. Jahrhunderts – Kommunismus, Faschismus und Selbstbestimmung – jenen Krieg begannen, der in der einen oder anderen Form über ein halbes Jahrhundert lang andauerte, bis die Verfechter der Freiheit und ihr Vorkämpfer, die Vereinigten Staaten, obsiegten.

Nicht alle Amerikaner, die in der Lincoln Brigade kämpften, waren Kommunisten. Viele, darunter Delmer Berg, waren es. Andere aber hatten sich dem Kampf nur angeschlossen, um Faschisten zu bekämpfen und eine Demokratie zu verteidigen. Auch unter den Kommunisten sahen sich viele, wie Mr. Berg, in erster Linie als Freiheitskämpfer, die Leib und Leben für ein Land riskierten, das sie kaum kannten, und für ein Volk, dem sie nie zuvor begegnet waren.

Man könnte sie für Romantiker halten, die für eine verlorene Sache kämpften, aber dennoch für etwas Größeres als die persönlichen Interessen. Aber obwohl Männer wie Delmer Berg an den Kommunismus glaubten, an eine Sache also, die viel mehr Leid gebracht hat, als sie je linderte – und die Menschenwürde dem Staat unterordnete – , habe ich doch stets den Mut und die Opferbereitschaft bewundert, die sie in Spanien bewiesen.

Diese Bewunderung hat sich erhalten, seit ich als 12jähriger Junge im Arbeitszimmer meines Vaters Hemingways „Wem die Stunde schlägt“ las. Das Buch ist mein Lieblingsroman und sein Held, Robert Jordan, der Lehrer aus dem Mittleren Westen der in Spanien kämpfte und starb, wurde mein literarischer Lieblingsheld. Im Verlauf der Erzählung erkennt Jordan allmählich, dass der Kampf vergeblich ist. Dessen Anführer erfüllen ihn mit Zynismus und den sowjetischen Kadern, die sie zu beeinflussen versuchen, misstraut er.

Aber in der Schlussszene des Romans entscheidet sich ein schwer verwundeter Jordan für den Tod, um die unglücklichen Spanier zu retten, mit denen und für die er gekämpft hatte. Für diesen Jordan ging es nicht mehr um einen Kampf der Ideologien, sondern um ein großherziges Liebesopfer.

„Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft“, denkt Jordan, während er auf den Tod wartet. „Ich hasse es, sie verlassen zu müssen.“ Aber er war bereit, sie zu verlassen.

Als Mr. Berg nach Spanien ging, war er ein sehr junger Mann. Er kämpfte in einer der größten und folgenreichsten Schlachten des Krieges. Er wurde verwundet. Er sah Freunde sterben. Ihm war klar, dass er sein Leben für eine verlorene Sache eingesetzt hatte, für ein Volk, das er kaum kannte, aber dem er sich verpflichtet fühlte und das er nicht im Stich ließ. Dann kehrte er heim, macht ein Baustoffe- und Steinmetzgeschäft auf und kämpfte den Rest seines langen Lebens hindurch für die Dinge, an die er glaubte.

An die meisten dieser Dinge glaube ich nicht, ausgenommen hieran: Ich glaube, dass, wie John Donne schrieb, „kein Mensch eine Insel“ ist, „vollständig in sich selbst“ – denn ein jeder ist „Teil des Festlands“, des Ganzen. Und ich glaube, dass „der Tod jedes einzelnen Menschen mich vermindert, weil ich Teil der Menschheit bin“.

Delmer Berg lebte diesen Glauben. Ihm musste man nicht sagen, wem die Stunde schlägt. Ihm war bewusst: Sie schlug für ihn.[1] Ich verneige mich vor ihm. Er ruhe in Frieden.

© 2016 The New York Times, Übersetzung: Karl D. Bredthauer

 

[1] Beim englischen Renaissance-Autor John Donne (1572-1631), dem Hemingway den Titel seines oben erwähnten Romans entlehnte, heißt es: „No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. [...] any man’s death diminishes me, because I am involved in mankind, and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.” Zu Deutsch: Frag‘ nicht, wem die Stunde schlägt; sie schlägt für dich. (in Donnes „Meditation XVII“) – Anm. d. Übers.

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