Vom Proletariat zum Pöbel: Das neue reaktionäre Subjekt | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Vom Proletariat zum Pöbel: Das neue reaktionäre Subjekt

von Micha Brumlik

Gewiss, es waren keineswegs nur Mitglieder der US-amerikanischen weißen Arbeiterklasse, die Donald Trump an die Macht gebracht haben. Und doch waren es auch und nicht zuletzt eben jene Arbeiter und Arbeitslosen – und genau hier liegt das eigentliche Erschrecken für die Linke: Mit Trumps historischem Erfolg und dem jedenfalls nicht völlig chancenlosen Vorhaben Marine Le Pens, französische Präsidentin zu werden, wird deutlich, dass wesentliche Teile nicht nur der industriellen Arbeiterschaft ihr Heil heute nicht mehr in sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien suchen, sondern eben in rechten, sprich: in abgeschotteten Nationalstaaten, in Fremdenfeindlichkeit und Protektionismus.

Somit signalisiert Trumps Sieg das diesmal wirklich unwiderrufliche Ende einer politischen Utopie, die kein Geringerer als Karl Marx vor gut 150 Jahren verkündet hatte. Neben einer illusionslosen, beinahe jubelnden Einschätzung des Sieges der Bourgeoisie begründete Marx eine politische Hoffnung, die den Kommunisten – als der Avantgarde der Arbeiterklasse – die Rolle einer endgültigen Aufhebung allen Unrechts zuschrieb: „Indem wir die allgemeinsten Phasen der Entwicklung des Proletariats zeichneten, verfolgten wir den mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet“, so Karl Marx und sein Mitstreiter Friedrich Engels im „Kommunistischen Manifest“. „Der Fortschritt der Industrie“, so fuhren die beiden Autoren fort, „dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolirung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Association. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst weggezogen worauf sie produzirt und die Produkte sich aneignet. Sie produzirt vor Allem ihre eigenen Todtengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“[1]

So weit die optimistische Prognose von Marx und Engels, die allerdings von der Gegenwart konterkariert wird: Heute ist zu beobachten, dass die vermeintlich zur Revolution berufene Klasse, eben die Arbeiterklasse, selbst zum Kern jener politischen Kräfte geworden ist, die Marx und Engels im Manifest als „Reaktionäre“ bezeichnet hatten. Das zeigen nicht nur die internationalen Wahlergebnisse, von den USA und Frankreich bis nach Ungarn und Polen, sondern auch jene in Baden-Württemberg, wo ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Gewerkschaftsmitgliedern AfD gewählt hat. Auch im Freistaat Sachsen gaben inzwischen 25 Prozent der Wahlberechtigten an, AfD wählen zu wollen – das betrifft nicht zuletzt die Arbeiter und Arbeitslosen.

Die Rechtspopulisten als neue Arbeiterpartei

Ob man nach Frankreich oder in die Niederlande, nach Österreich oder eben nach Ostdeutschland schaut: Überall sind die Rechtspopulisten heute die eigentliche Arbeiterpartei. Fragt man nach den Ursachen, kann die ebenso anrührende wie analytisch hellsichtige Autobiographie des französischen Intellektuellen Didier Eribon, „Rückkehr nach Reims“, eine Antwort geben. Sie schildert das Leben eines Mannes, der seiner, der französischen Arbeiterschaft angehörigen kommunistischen Familie den Rücken kehrte und in der glamourösen Hauptstadt zum Intellektuellen wurde. Als er zwanzig Jahre später, nach dem Tode des Vaters, wieder mit Mutter und Geschwistern in Kontakt tritt, trifft ihn diese rencontre wie ein Schock: Alle, die sich früher der Kommunistischen Partei Frankreichs verbunden fühlten, gaben jetzt zu Protokoll, den rechtsextremen „Front National“ zu wählen.[2]

Der Aufstieg des Front National markiert daher auch die Endstation des auf die Arbeiterschaft setzenden Parteikommunismus. Eine Entwicklung allerdings, die sich schon lange, nämlich seit bald einhundert Jahren, abzeichnet.

Diesen Irrweg zu verstehen, gaben sich marxistische Intellektuelle und Philosophen im vergangenen „Jahrhundert der Extreme“ (Eric Hobsbawm) alle Mühe. Während sich Georg Lukács[3] in seiner 1923, dem Jahr des Hitlerputsches, auf Deutsch erschienenen Studie „Geschichte und Klassenbewusstsein“ noch um eine aus dem Idealismus gespeiste Ableitung der freien Tathandlung des historischen Subjekts „Proletariat“ mühte, gab Theodor W. Adorno etwa zwanzig Jahre später, also noch in der erzwungenen Emigration, in den „Minima Moralia“, im 124., „Vexierbild“ überschriebenen Aphorismus, zu Protokoll: „Soziologen aber sehen der grimmigen Scherzfrage sich gegenüber: Wo ist das Proletariat?“ Lukács jedenfalls konnte noch 1923 schreiben: „Ist die endgültige Wirtschaftskrise des Kapitalismus eingetreten, so hängt das Schicksal der Revolution (und mit ihr das der Menschheit) von der ideologischen Reife des Proletariats, von seinem Klassenbewusstsein ab.“[4] Dagegen lautet mit Adorno die Gretchenfrage: Wer überhaupt ist das Proletariat – und wo befindet es sich?

Die Antwort sollte heute nicht schwerfallen: Das proletarische Erbe findet sich in den Formationen des Sozialstaats, wie er unter anderem – um nur die Extreme zu erwähnen – im nationalsozialistischen Deutschland auf rassistisch ausgrenzender und mörderischer Basis und in den USA seit der Präsidentschaft Franklin D. Roosevelts auf demokratische und keynesianische Weise verwirklicht worden war. Dieses Gesellschaftsmodell sorgte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mindestens in den sogenannten westlichen Industriestaaten für Wohlstand und sozialen Frieden – und zwar so sehr, dass viele linke Intellektuelle ihr Projekt einer grundsätzlichen Emanzipation in Richtung auf eine ganz andere Gesellschaftsordnung massiv gefährdet sahen und sich nun auf die Suche machten nach einem Ersatz für das verloren gegangene revolutionäre Subjekt, eben das Proletariat.

Herbert Marcuse und die Suche nach dem neuen revolutionären Subjekt

Vorreiter dieser Bewegung war ein anderer westlicher, von Marx und der Psychoanalyse geprägter Intellektueller: Herbert Marcuse. Er charakterisierte zwanzig Jahre nach Adorno – 1964 – die Lage des Proletariats in seinen unter dem Titel „Der eindimensionale Mensch“ erschienenen Studien zur Ideologie fortgeschrittener Industriegesellschaften wie folgt: „Wo diese Klasse jedoch zur Stütze der herrschenden Lebensweise geworden ist, würde ihr Aufstieg jene [herrschende Kontrolle, M.B.] nur verlängern.“[5] Daher postulierte Marcuse, fest davon überzeugt, dass die sozialstaatliche Integration der Arbeiterklasse sie letztlich als revolutionäres Subjekt ausgeschaltet habe, in seinem 1969 erschienenen Essay „Versuch über die Befreiung“[6] eine Revolte aller Unangepassten auf der Basis erhöhter sozialer Sensibilität – also genau das, was später als „Randgruppenstrategie“ einen grandiosen Misserfolg erleiden und in den USA bei den „Weathermen“, in Italien bei den Roten Brigaden und in der Bundesrepublik bei der „Rote Armee Fraktion“ ein blutiges Ende finden sollte.

Die vor allem, aber keineswegs bloß von Studierenden getragene „Neue Linke“ war sich nur zu bald bewusst, dass sie allein eine Revolution nicht würde vollbringen können. Deshalb begab sich eine in Westdeutschland und in Frankreich im Protest gegen den Vietnamkrieg und gegen Züge autoritärer Herrschaft kurzfristig erfolgreiche Bewegung bald auf den Pfad kollektiver Regression und versuchte, tatsächlich Arbeiterparteien aufzubauen, wie sie im Europa der Zwischenkriegszeit gang und gäbe waren – dabei den Lukács von 1923 ebenso im Gepäck wie die eine oder andere epigonale Schrift. Hätte man sich nur auch hier an Karl Marx erinnert, der bereits in seiner Schrift über Louis Bonaparte formuliert hatte, dass sich alle historischen Ereignisse zweimal zutragen: als Tragödie und als Farce. So auch die „Arbeiterparteien“ der Neuen Linken: Ihr Blick in die Ferne, in das totalitäre Riesenreich des chinesischen Revolutionärs Mao Zedong stellte dann einen weiteren, politisch und kulturell, gelinde gesagt, höchst unsensiblen Versuch dar, sich an ein neues weltrevolutionäres Subjekt im wahrsten Sinne des Wortes anzuhängen.

Nach dem absehbaren Scheitern auch dieser Versuche war es dann zuletzt André Gorz, der 1980 in seiner Kampfschrift „Abschied vom Proletariat“ den geschichtsphilosophischen Optimismus der Marxisten kritisierte, selbst aber in seinen „Wegen zum Paradies“ aus dem Jahr 1983 – Marcuse nicht unähnlich – auf andere, eben gerade Nicht-Arbeiter, als das neue revolutionäre Subjekt setzte: „Dagegen ist die Masse der ‚gegen die Arbeit Gleichgültigen‘ das mögliche gesellschaftliche Subjekt des Kampfes um die Aufteilung der Arbeit, die allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit, die tendenzielle Abschaffung der Lohnabhängigkeit durch Ausweitung der Eigenproduktion sowie ein allen garantiertes Lebenseinkommen.“[7]

Heute müssen wir feststellen, dass die von Gorz verabschiedete Arbeiterschaft nicht mehr nur – was noch Marcuse beklagte – zu einem stabilisierenden Teil des eindimensionalen Wohlfahrtsstaates geworden ist, sondern dass sie ihr Heil zum Teil wieder in faschistischen Strukturen sucht. Wo aber liegen die Ursachen für diese nur zunächst erstaunliche „Reaktion“?

Regression in der Globalisierung

Offensichtlich führt die von Marx und Engels beschriebene Globalisierung eben gerade nicht zur Aufklärung der ohnehin schrumpfenden Arbeiterklasse, sondern zu deren reaktionärer Regression. Marx und Engels konnten nicht ahnen, dass ihre eigenen profunden Einsichten in jenen Prozess, den wir heute als Globalisierung bezeichnen, das Ende ihrer politischen Utopie besiegeln würden.

Tatsächlich hieß es ja – wiederum und bereits – im Kommunistischen Manifest: „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“[8] Marx und Engels hatten also noch ein durchweg positives, ja revolutionäres Verständnis der Globalisierung. Freilich konnten sie die revolutionäre Veränderung der Produktivkräfte, die mit intelligent prozedierenden Maschinen einherging und als Digitalisierung weiterhin geht, nicht vorhersehen. Insgesamt rechneten weder Marx noch Engels mit der immensen Ausdifferenzierung der kapitalistischen Wirtschaft und der in ihr tätigen Arbeitskräfte – etwa mit dem Entstehen einer Klasse von lohnabhängigen Angestellten, der Siegfried Kracauer in den 1930er Jahren eine bahnbrechende Studie widmen sollte.[9]

All das beweist ein weiteres Mal, dass der Strukturtheoretiker Marx gegen den Revolutionstheoretiker Marx mehr Recht behält, als ihm lieb sein konnte. Gleichwohl gilt seine strukturelle Einsicht über den prozessierenden Widerspruch von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften ungebrochen: Versteht man unter Produktionsverhältnissen die Globalisierung und unter Produktivkräften die Digitalisierung, so ist es genau diese Spannung, die zum agonalen Ende der industriellen Arbeiterklasse jedenfalls des Westens führen muss – einer Arbeiterklasse, die ihr Heil derzeit in einem semifaschistischen Bonapartismus sucht.

In Verbindung mit den regelmäßig wiederkehrenden Krisen des Finanzkapitalismus und einer Wertschöpfung, die immer weniger auf der Aneignung von Mehrwert beruht, sondern auf Transaktionsgewinnen, und einen „Postwachstumskapitalismus“ hervorgebracht hat, entsteht so das, was der Soziologe Oliver Nachtwey als „Abstiegsgesellschaft“ bezeichnet hat und was er in der Metapher von einer nach unten fahrenden Rolltreppe fasst – im Gegensatz zu der noch optimistischen Metapher Ulrich Becks, der die sozialstaatlich geregelten Gesellschaften des Westens mit Aufzügen verglich, in denen bei größter Unterschiedlichkeit der Fahrenden dennoch alle nach oben fahren. In „Abstiegsgesellschaften“ aber lassen sich einige apathisch nach unten fahren, während andere rücksichtslos in Panik nach oben zu rennen versuchen, um dennoch unwiderruflich nach unten gefahren zu werden.

Zurück in den „geschlossenen Handelsstaat“

Wie aber sehen die Antworten auf diesen Untergang der Arbeiterklasse aus?

Das Fatale daran: Heute werden sich die Reaktionen der Rechten und vieler (Traditions-)Linker immer ähnlicher. Ihre Antworten entsprechen strukturell in nicht wenigen Fällen jenen Wirtschaftsprogrammen, mit denen faschistische Bewegungen vor etwa achtzig Jahren die sozialen Krisen ihrer Länder beheben wollten. Es war kein Geringerer als der später führende deutsche Soziologe der Bundesrepublik, Helmut Schelsky, der – als junger Wissenschaftler überzeugter Nationalsozialist – gegen die vermeintlich gleichmacherische Globalisierung ein politisches Projekt ganz im Geiste Johann Gottlieb Fichtes propagierte: einen in seiner Bevölkerung und Kultur homogenen, „geschlossenen Handelsstaat“, also eine abgeschottete, wirtschaftlich autarke politische Einheit mit ständischen Strukturen.

Das aber ist auch heute noch – oder gerade wieder – das Projekt der „Identitären“ als der Neuesten Rechten. Ihr bisher auf den Theorien Martin Heideggers und Alexander Dugins beruhendes Projekt einer autoritären Staatlichkeit[10] – im Widerstand gegen Multikulturalismus, Islam und Immigration – erfährt nun Unterstützung durch eine „Neue Rechte“ aus den USA, eine alternative right. Der Chefberater des künftigen US-amerikanischen Präsidenten, der rechtsintellektuelle Hetzer Steve Bannon, selbst Sohn einer katholischen, depossedierten Arbeiterfamilie, hat bereits beklagt, dass die Obama-Administration amerikanische Arbeitsplätze vernichtet habe, um so neu entstehende Mittelschichten in Asien aufzubauen – eine Diagnose, der man, wenn man ihre verschwörungstheoretische, intentionalistische Form ausklammert, „objektiv“ leider zustimmen muss. Bannon will nun „die amerikanische Arbeiter- und Mittelklasse befreien, die [...] von gierigen Bankern, rücksichtslosen Konzernbossen und korrupten Politikern, die alle miteinander verbandelt sind, geschunden, ausgebeutet und verraten wird“.[11]

Ganz falsch ist das leider nicht: So hat der keinerlei rechter Ideologie verdächtige Ungleichheitsforscher Branko Milanovic in seiner jüngst erschienenen Studie „Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht“ nachweisen können, dass wachsende Verarmung und Ungleichheit in den westlichen (Industrie-)Staaten einhergeht mit dem allmählichen Entstehen einer – relativ auf ihre Länder bezogenen – wohlhabenderen Arbeiter- und Mittelschicht in den new developing countries.

Wie (auch) die Arbeiter zu Reaktionären werden

Die Arbeiterschicht, von „Arbeiterklasse“ mag man heute nicht mehr sprechen, ist somit keineswegs alleine oder gar primär reaktionär, andere Schichten und Milieus sind an diesem Prozess allemal, wenn nicht sogar führend mitbeteiligt – auch das schrieben Marx und Engels bereits im „Manifest“: „Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände, vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, denn sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.“[12]

 Die Gegenwart, jedenfalls in den westlichen Ländern – und das macht das Erschrecken für die Linke aus – ist nun dadurch gekennzeichnet, dass die Arbeiterschaft diesen reaktionären Milieus und Schichten an die Seite tritt: Nichts anderes als eine mächtige Koalition all dieser Schichten trägt den aktuellen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Dabei wird die Arbeiterklasse wieder zu dem, als das sie von jenem Philosophen, den Marx in der Sache – ihn aufhebend – überwinden wollte, beschrieben wurde: zu Pöbel.[13] Im Paragraphen 244 der Rechtsphilosophie schrieb Hegel: „Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert – und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen –, bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt.“[14]

Hier der Pöbel, dort exzessiver, dekadenter Reichtum: Das genau ist die Lage, in der sich westliche, postindustrielle Gesellschaften derzeit befinden – und zwar in derart zugespitzter Form, dass eine neue Form des Faschismus nicht mehr ausgeschlossen erscheint. Motor dieses Abgleitens in eine zeitgemäße Form des Faschismus aber ist die durch Digitalisierung und Globalisierung „objektiv“ überflüssig werdende Arbeiterklasse, die in der Führungsmacht des Westens einen Abenteurer wie Donald Trump an die Macht brachte, einen Typus, über den wiederum Marx 1852 alles Nötige gesagt hat. So heißt es am Ende von Marxens „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“: „Von den widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt, zugleich wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich [...] gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatstreich en miniature zu verrichten, bringt Bonaparte die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet alles an, was der Revolution von 1848 unantastbar schien, macht die einen revolutionsgeduldig, die anderen revolutionslustig und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht.“[15]

Man ersetze nur den Namen „Bonaparte“ durch Trump und man kann sich eine Vorstellung davon machen, was uns noch alles bevorsteht.

So aber scheint die Einsicht unabweisbar, dass der auf einer kapitalistischen Wirtschaft beruhende (europäische) demokratische Sozialstaat das Beste ist, was die von Marx über Lenin bis Lukács zum revolutionären Subjekt erkorene Arbeiterschaft welthistorisch erreichen konnte und vielleicht überhaupt erreichen kann. Die Antwort einer aufgeklärten, liberalen, aber eben auch desillusionierten Linken kann daher nur darin bestehen, die Kritik am Kapitalismus aufrechtzuerhalten, freilich um die Einsicht bereichert, „dass kein Kapitalismus auch keine Antwort ist“ (Ulrike Hermann). Ansonsten wird der Kompass einer aufgeklärten Linken umso mehr das Prinzip der Würde des Menschen in politischer Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und versöhnter Verschiedenheit sein – und zwar weltweit.

 

[1] Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848), in: Karl Marx, Die Frühschriften, Stuttgart 2004, S. 608.

[2] Didier Eribon, Wie aus Linken Rechte werden, Teil I: Der vermeidbare Aufstieg des Front National, in: „Blätter“, 8/2016, S. 55-63, ders., Wie aus Linken Rechte werden, Teil II: Der rassistische Reflex und das Ende der Solidarität, in: „Blätter“, 9/2016, S. 85-92.

[3] Theodor W. Adorno, Minima Moralia, S.370.

[4] George Lukács, Geschichte und Klassenbewusstsein, Berlin 1923, S.82.

[5] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Neuwied und Berlin 1967, S. 26.

[6] Ders., Versuch über die Befreiung, Frankfurt a.M. 1969.

[7] André Gorz, Wege ins Paradies. Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit, Berlin 1983, S. 58.

[8] Karl Marx, a.a.O., S. 598 f.

[9] Siegfried Kracauer, Die Angestellten, Aus dem neuesten Deutschland, Frankfurt a.M. 1930.

[10] Micha Brumlik, Das alte Denken der neuen Rechten. Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft, in: „Blätter“, 3/2016, S.81-92.

[11] „Süddeutsche Zeitung“, 1.12.2016.

[12] Karl Marx, a.a.O., S. 602.

[13] Ich danke Rahel Jaeggi für den Hinweis auf Hegels Pöbel, vgl. Frank Ruda, Hegels Pöbel, Konstanz 2011.

[14] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Rechtsphilosophie, Werke 7, Frankfurt a. M. 1970, S. 389 f.

[15] Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852), in: Karl Marx und Friedrich Engels, Geschichte und Politik 2, Berlin 2004, S. 128.

 

(aus: »Blätter« 1/2017, Seite 56-62)
Themen: Rechtsradikalismus, Arbeit, Geschichte und Parteien

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