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Weiß und stolz und abgehängt

Donald Trump und der Südstaaten-Rassismus

von Arlie Russell Hochschild

Die jüngsten rassistischen Ereignisse von Charlottesville haben eines sehr deutlich gezeigt: Der gegenwärtige Rechtsruck in den Vereinigten Staaten ist auch ein geographisches Problem – und es betrifft vor allem den Süden.

Der Begriff „Rassismus“ bezeichnet, so wie ich und andere ihn verwenden, den Glauben an eine natürliche Hierarchie, in der Schwarze unten stehen, sowie die Tendenz von Weißen, ihren eigenen Wert nach dem Abstand zu dieser untersten Stufe zu bemessen. Nach dieser Definition sind viele Amerikaner – im Norden wie im Süden – rassistisch. Und um Donald Trump und die Tea Party zu unterstützen, muss man selbstverständlich nicht aus den Südstaaten stammen. Doch der weiße Süden ist das Zentrum dieser, nicht zuletzt rassistischen Bewegung.

Was mich an der Geschichte der Südstaaten besonders interessiert, ist die Reihe emotionaler Kerben – wie man es nennen könnte –, die sich in die Köpfe und Herzen der Menschen eingeprägt haben, und zwar durch das Leben ihrer Vorfahren, von denen viele weiße Kleinbauern waren. Diese Kerben basieren auf dem alten Konflikt des Nordens mit dem Süden. Fielen im Wahlkampf 2016 Stichworte wie Obamacare, Erderwärmung, Waffengesetze und Legalisierung der Abtreibung, fühlten sie sich an wie ein weiterer Schlag aus dem Norden, aus Washington. Als ich in Longville mit einem Mann über die Präsidentschaftswahlen sprach, kommentierte er mit sanftem Lächeln: „Hillary Clinton, Bernie Sanders – die sind aus dem Norden.”

Tatsächlich hatte sich der Süden der USA durch das Plantagensystem zu einem „Teil für sich” entwickelt, um es mit den Worten des Historikers C. Vann Woodward auszudrücken. Dieses System hatte selbstverständlich tiefgreifende Auswirkungen auf wohlhabende weiße Plantagenbesitzer und auf schwarze Sklaven. Es hinterließ aber auch tiefe Spuren bei einer weiteren großen Bevölkerungsgruppe, die wir häufig vergessen: bei den armen weißen Kleinbauern, Pachtbauern und „Sharecroppern”, wie es die Vorfahren mancher Menschen waren, die ich in Louisiana kennenlernte. In seinem Standardwerk über den Süden, „The Mind of the South“, schrieb Wilbur J. Cash, das Plantagensystem „errichtete Mauern [...] um den weißen Mann, die er nicht wahrnahm”.[1] Der arme Weiße fühlte sich nicht „eingesperrt in ein Leben am Rand der Gesellschaft”, sondern als „potentieller Plantagen- oder Fabrikbesitzer”.[2] Innerhalb dieser Mauern konzentrierten sich die kulturellen Vorstellungen stark auf zwei Gruppen: die Dominanten und die Dominierten, die sehr Reichen und die sehr Armen, die Freien und die Abhängigen, die Beneideten und die Bedauerten, und dazwischen gab es nur sehr wenig. Reiche Plantagenbesitzer tranken unter Kristalllüstern ausländischen Wein, saßen auf europäischen Sesseln in Herrenhäusern mit weißen Säulen. Sie sahen sich nicht als böse Unterdrücker, sondern als großzügige Wohltäter, und arme Weiße nahmen sie als solche wahr. Am anderen Ende sahen arme Weiße das erschreckende Elend der traumatisierten Sklaven, die nur eine geringe Lebenserwartung hatten. Das etablierte in ihrem Denken ein Bild vom besten und vom schlimmsten Schicksal im Leben.

Verglichen mit den Verhältnissen in bäuerlichen Dörfern Neuenglands gab es im Süden oben erheblich mehr Reichtum zu beneiden und unten wesentlich größeres Elend zu befürchten.[3] Ein solches System suggerierte ein eigenes Bild von der Warteschlange zum amerikanischen Traum – einer Schlange, die nur wenig Raum für die Glücklichen vorn und erheblich mehr Raum für die Vergessenen hinten ließ.

Zwischen diesem Oben und Unten lebten arme Weiße nach Cashs Darstellung in ungestrichenen Häusern mit „maroden Lattenzäunen [...] und seltsamen Scheunen, die doch von Mais überquollen”.[4] In dem Maße, wie das Plantagensystem sich ausdehnte, wurde die Lage für ärmere Bauern immer schwieriger. Plantagenbesitzer kauften das begehrte Land in den fruchtbaren Niederungen auf und verdrängten ärmere Bauern in das unfruchtbarere Hochland. Wenn arme weiße Bauern versuchten, auf bessere Böden umzuziehen, mussten sie feststellen, dass die Plantagenbesitzer sich, „gerüstet mit reichlich Kapital und soliden Sklavenbataillonen”, das beste Land gesichert hatten, sogar „jenseits des Mississippi” in Arkansas und Texas.[5]

Arme Weiße wurden zurückgedrängt in „die roten Hügel, die Sandgebiete, die Nadelwälder und Sümpfe – in alle Randgebiete des Südens”.[6] Um Baumwolle und Zuckerrohr anbauen zu können, rodeten die Plantagenbesitzer Wälder, beraubten damit „den Tisch des Bauern der früheren reichlichen Vielfalt” und reduzierten seine Ernährung auf „Maisbrot und Wildschweinfleisch”.[7] Da die Plantagenbesitzer Sklaven arbeiten ließen und Heu, Getreide, Rindfleisch und Holz größtenteils im Norden oder Mittelwesten kauften, wurden die armen Weißen als Arbeitskräfte überflüssig und mussten von dem leben, was sie selbst produzieren konnten. An den Rand gedrängt und als Arbeitskräfte nicht mehr gefragt, hielten sie durch, obwohl man sie mit üblen Schimpfworten bedachte wie cracker, white trash oder po buckra.

Wenn man die Geschichte auf unsere Tiefengeschichte der Gegenwart transponiert, standen arme Weiße im 19. Jahrhundert ganz weit hinten in der Schlange zum amerikanischen Traum. Es gab keine Parade von Leuten, die sich aus ethnischen oder genderspezifischen Gründen „vordrängelten”. Allein schon die Vorstellung einer Umverteilung war dem Plantagensystem zutiefst fremd. Und es gab kaum staatlich gefördertes Gemeingut, da der Süden erheblich ärmer an öffentlichen Bibliotheken, Parks, Schulen und Hochschulen war als der Norden.

Zweierlei Bürgerkrieg: Die 1860er und 1960er Jahre

Dann brach der Bürgerkrieg aus, und der Norden schlug den Süden vernichtend. Städte wurden niedergebrannt, Felder verwüstet – teils von konföderierten Truppen auf dem Rückzug. Nach dem Bürgerkrieg ersetzte der Norden die Regierungen der Südstaaten durch eigene, handverlesene Gouverneure. Profitgierige Glücksritter kamen als Agenten des dominierenden Nordens. Ausbeuter aus dem Norden, eine wütende, traumatisierte schwarze Bevölkerung zu Hause und von allen Seiten moralische Verurteilung – das war das Bild, das mir die wütenden Südstaatler zeichneten.

Und als die 1960er Jahre Bürgerrechtsaktivisten und Freedom Rider brachten, die auf neue Bundesgesetze zur Abschaffung der Rassentrennung drängten, kamen sie anscheinend wieder, die moralisierenden Nordstaaten. Nun sorgte ein anderes Vermächtnis nicht nur im Süden, sondern in den gesamten Vereinigten Staaten für einen Aufschwung der Rechten. Eine Reihe neuer gesellschaftlicher Bewegungen brachte die Reihenfolge in der Warteschlange durcheinander und entzündete einen Schwelbrand aus Groll, der Jahre später zur Tea Party aufflammen sollte.[8]

In dieser Umbruchzeit meldete sich eine lange Parade Unterprivilegierter zu Wort, um über die schlechte Behandlung zu sprechen, die sie erfahren hatten – Schwarze, die aus dem Jim-Crow-Süden geflüchtet waren, unterbezahlte lateinamerikanische Feldarbeiter, japanische Opfer von Internierungslagern, schlecht behandelte Ureinwohner Amerikas, Einwanderer aus der ganzen Welt. Dann kam die Frauenbewegung. Frauen, die zu Hause überlastet, beruflich auf kirchliche Tätigkeiten und auf Beschäftigung als Lehrerinnen eingeschränkt und nicht vor Belästigungen sicher waren, bekräftigten ihren Anspruch auf einen Platz in der Warteschlange zum amerikanischen Traum. Lesben und Schwule wehrten sich gegen ihre Unterdrückung. Umweltschützer traten für Waldtiere ohne Wälder ein. Auch der bedrohte braune Pelikan mit seinen weiten, ölverschmierten Schwingen nahm nun seinen Platz in der Schlange ein.

Diese Erfahrung, von einer Gruppe nach der anderen „überholt” zu werden, lässt sich als Ausdruck eines Klassenkonflikts sehen. Dieser Begriff mag merkwürdig scheinen, wird von der Rechten sicher gemieden und andernorts von der Linken benutzt. Im Laufe der gesamten Geschichte der Vereinigten Staaten sind solche Konflikte jedoch in verschiedenen Lebensbereichen, mit verschiedenen Akteuren und unterschiedlichem moralischem Vokabular aufgetreten. Jeder sprach ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl an.

Identität als Kampffeld

Mit dem Übergang von den 1960er Jahren in die 1970er Jahre verlagerte sich der Fokus der Bewegungen vom Gesellschafts- und Rechtssystem auf die persönliche Identität. Nun genügte es schon, amerikanischer Ureinwohner, eine Frau oder ein Homosexueller zu sein, um öffentliches Mitgefühl zu wecken. Die Geduld vieler Linker wie auch Rechter wurde auf die Probe gestellt. Alle diese gesellschaftlichen Bewegungen ließen jedoch eine Gruppe in der Schlange stehen: ältere weiße Männer, vor allem wenn sie in einer Branche arbeiteten, die dem Planeten nicht sonderlich dienlich war. Auch sie wurden – bald – zu einer Minderheit.

Wenn die Bürgerrechts- und Frauenbewegung mit Fingern auf den privilegierten weißen Mann gezeigt hatte, war es vielleicht an der Zeit, auch ihn als Opfer zu sehen, dem man Gehör, Anerkennung und einen Platz vorn in der Schlange verschaffen – oder lassen – sollte. Das konfrontierte diese Gruppe jedoch mit einem verwirrenden Widerspruch: Wie sollte man sich der Parade der Identitätspolitik anschließen und sie gleichzeitig zum Stillstand bringen?

Und weil der Süden die konservativste Region der Vereinigten Staaten geblieben und am wenigsten auf die enormen Veränderungen vorbereitet war, fand der prägende Moment dieser Epoche im Süden statt – der Freedom Summer von 1964.[9] Damals fuhren tausend Studenten, von denen viele an Eliteuniversitäten studierten, nach Mississippi, um Wähler zu registrieren, die Geschichte der Schwarzen zu lehren und zu helfen, wo sie nur konnten.[10] In Plaquemine, Louisiana, wurden sechzig Bürgerrechtsaktivisten für die Wählerregistrierung ausgebildet. Obwohl die meisten schwarzen Bewerber abgewiesen wurden, schafften es über tausend, sich erstmals in ihrem Leben registrieren zu lassen. Mit Aktionen, die Schlagzeilen machten, versuchten Studenten, die Rassentrennung in Schnellimbissen, Restaurants, Hotels, Wohnvierteln, Schulen und Universitäten zu durchbrechen. Besonders für Schwarze barg diese Arbeit Gefahren. Am 21. Juni 1964 ermordete der Ku-Klux-Klan in Philadelphia, Mississippi, drei Bürgerrechtsaktivisten, einen schwarzen und zwei weiße: James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner. Das löste landesweite Empörung aus und führte zum Bürgerrechtsgesetz (Civil Rights Act) von 1964 und zum Wahlrechtsgesetz (Voting Rights Act) von 1965. Es gab 1062 Verhaftungen, Bomben- und Brandanschläge auf 37 Kirchen sowie auf Wohnhäuser und Geschäfte Schwarzer. Im selben Jahr stellte die Mississippi-Freedom-Delegation beim Parteitag der Demokratischen Partei die offizielle Delegation des Bundesstaates in Frage. Denn sie bestand nur aus Weißen.

Der tiefe Fall der weißen Arbeiterklasse

Was aber bedeuteten all diese Ereignisse für weiße Arbeiter in den Südstaaten, die am augenfälligsten Widerstand gegen die allgemeinen Bürgerrechte leisteten? Sie verloren in den Augen der schockierten Nation an moralischem Ansehen. Viele ältere Männer, mit denen ich sprach, waren in den 1960er Jahren noch Kinder oder Jugendliche. Ganz gleich, welche Ansichten sie oder ihre Familie damals vertreten und wie viel Mitgefühl sie persönlich für Schwarze aufgebracht haben mochten, war der Norden nach der öffentlichen Darstellung in den Süden gekommen, wie er es in den 1860er Jahren mit Soldaten und während des Wiederaufbaus, der Reconstruction, in den 1870er Jahren getan hatte, um den Weißen in den Südstaaten zu sagen, dass sie ihr Leben zu ändern hätten. Die Geschichte stand auf der Seite der Bürgerrechtsbewegung, und die Nation ehrte ihre führenden Vertreter. Wieder einmal waren die Weißen im Süden mit dem Schandmal gebrandmarkt, dabei fanden sie, wie ein Mann mir sagte: „Wir haben diese schlimmen Dinge doch gar nicht gemacht.”

Obwohl der Staat auch auf Bundesebene in der Vergangenheit als Instrument der Rassentrennung gedient hatte, stand er nun für Gleichheit. Es begann ein langsamer Trommelwirbel: Präsident Truman hob 1948 die Rassentrennung in den Streitkräften auf. Der Oberste Gerichtshof sorgte mit seinem Urteil im Verfahren Brown v. Board of Education 1954 für ihre Aufhebung an Schulen. Präsident Dwight D. Eisenhower schickte 1959 Bundestruppen und die Nationalgarde nach Little Rock, Arkansas, um das entsprechende Bundesgesetz an Schulen durchzusetzen. Damit setzte er den Rahmen für das weitere Vorgehen des Bundes in den folgenden Jahren.

Präsident John F. Kennedy entsandte 1962 fünftausend Bundessoldaten, um das Recht von James Meredith auf ein Studium an der University of Mississippi durchzusetzen. Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnete 1964 mit dem Civil Rights Act das umfassendste Bürgerrechtsgesetz seit Ende des Bürgerkriegs. Darauf folgte eine Durchführungsverordnung, die für die Vergabe öffentlicher Aufträge von den Vertragsfirmen Antidiskriminierungsmaßnahmen bei der Einstellung von Beschäftigten verlangte. Johnson verbot 1968 Diskriminierung am Wohnungsmarkt. Und so ging es weiter – der Staat half der gesellschaftlichen Bewegung einer Bevölkerungsgruppe, ihren rechtmäßigen Platz in der Warteschlange zum amerikanischen Traum einzunehmen: Auf die Bürgerrechtsbewegung folgte die Frauenbewegung, die an ihren früheren Kämpfen um aktives und passives Wahlrecht und eigenen Immobilienbesitz anknüpfte. Eine Reihe von Gerichtsurteilen, die die Gleichbehandlungsklausel des 14. Verfassungszusatzes bekräftigten, fand nun Anwendung auf Arbeitgeber, die Bundesmittel erhielten.[11] In den 1970er Jahren schlug die Bewegung für die Rechte Homosexueller den gleichen Weg ein. Im Laufe der Zeit kamen zu den alten Gruppen neue hinzu, und politische und therapeutische Kulturen verschmolzen. So entstand die Identitätspolitik: Identitäten, geprägt durch die Bewältigung von Krebs, Vergewaltigung, sexuellem Missbrauch in der Kindheit, Alkohol- und Drogensucht oder Sexarbeit – diese und viele weitere gerieten ins Blickfeld der Medien. Das Ganze gestaltete sich zu einem Wettlauf „um die Dornenkrone”, wie der Kritiker und ehemalige Aktivist der 1960er Jahre, Todd Gitlin, in seinem Buch „The Twilight of Common Dreams: Why America Is Wracked by Culture Wars“ beklagte.[12]

Im Gefolge dieser Bewegungen für gesellschaftlichen Wandel hatte sich eine gewisse Opferkultur eingeschlichen. Und wo blieben die älteren weißen Männer? Das Ideal der Gerechtigkeit machte anscheinend Halt, bevor es sie erreichte.

Ringen um Ehre und Anerkennung

Meine Tea-Party-Freunde – und viele von ihnen waren mir im Rahmen meiner Forschungen in der Tat zu Freunden geworden – reagierten auf das Feuer der 1960er Jahre, indem sie Teile der damaligen Botschaften übernahmen, sich gegen andere jedoch wehrten. Eine Frau erzählte mir, sie möge Sarah Palin, weil diese eine gegen Abtreibung eingestellte „Feministin” sei, die „Girl Power” und „Mama-Grizzlys” unterstütze. Eine andere würdigte Martin Luther King jr. als Vorbild einer besonnenen Führungspersönlichkeit im Gegensatz zu den jugendlichen urbanen Hitzköpfen, die aus Wut über brutale Polizeigewalt Schaufensterscheiben einschlugen.

Sie hatten jedoch auch erhebliche Einwände gegen manches, was die Bewegungen der 1960er Jahre bewirkt hatten. Wenn man auch nur einen Tropfen Blut amerikanischer Ureinwohner in sich hatte, hatte man aufgrund von Förderrichtlinien Anspruch auf Studienbeihilfen. Doch wieso brachte sie das in der Warteschlange weiter nach vorn, fragten sie sich. Wenn Leute sich als Weiße bezeichneten, wie andere sich als amerikanische Ureinwohner oder Schwarze einstuften, riskierten sie, als rassistische Soldaten der arischen Nation zu gelten. Wenn sie ihren Stolz darüber äußerten, Männer zu sein, liefen sie Gefahr, dass man sie für männliche Chauvinisten hielt – es sei denn, sie gehörten einer Männergruppe an, die sich bemühte, die traditionellen Verhaltensweisen abzulegen. Wenn sie Anerkennung für ihre Erfahrung und ihr Alter forderten, drohte ihnen, in einer auf Jugend ausgerichteten Kultur als alte Narren dazustehen.

Nimmt man die 1860er und die 1960er Jahre zusammen, so hatten weiße Männer der Südstaaten offenbar eine lange Tiefengeschichte erlebt, in der man sie in der Warteschlange nach hinten abgedrängt hatte. Hatten im 19. Jahrhundert die Plantagenbesitzer das Los der armen weißen Bauern verschlechtert, so hatte man im 20. Jahrhundert Konzerne globalisiert und automatisiert, Werke in Billiglohngebiete verlagert oder günstigere Arbeitskräfte ins Land geholt und sich geschickt jenseits der Hügelkuppe außer Sichtweite gehalten. Einige der 280 profitabelsten amerikanischen Unternehmen hatten laut einer Studie von 2011 für die Hälfte ihrer Gewinne keine Steuern bezahlt, doch in der geschichtsgetränkten Tiefengeschichte war das nicht zu erkennen.[13] Unterdessen stagnierten oder sanken die Löhne der Weißen und die Sozialausgaben stiegen.

Der weiße Mann im Anerkennungsdilemma

Die 1960er Jahre brachten ältere weiße Männer also in ein heikles Dilemma. Einerseits wären sie gern aufgestanden, vorgetreten und hätten eine Identität geltend gemacht, wie so viele andere es taten. Warum nicht auch wir? Andererseits waren sie als Anhänger der Rechten grundsätzlich gegen ein Vordrängeln in der Warteschlange und mochten den inflationär benutzten Begriff „Opfer” nicht. Dennoch – und das war beinahe unsagbar – empfanden sie sich allmählich als Opfer. Andere waren vorgerückt und hatten sie abgehängt. Ihnen gefiel das Wort „leiden” zwar nicht, aber sie hatten tatsächlich Lohnkürzungen, die Traumfalle und die verdeckte Schande erlitten, zur einzigen Gruppe zu gehören, von der jeder dachte, sie stehe zu Unrecht ganz vorn in der Schlange. Kulturell gesehen hatte sich der gesamte Norden vorgedrängt und den Süden in der Warteschlange nach hinten abgedrängt, auch wenn stetig Bundesmittel von Norden nach Süden geflossen waren – was gern vergessen wurde.

Wie konnte sich der weiße Mann unverhohlen in der Schlange vordrängeln wollen, obwohl er doch grundsätzlich gegen das Vordrängeln war? Er befand sich in einem Konflikt und reagierte darauf, indem er auf andere Art Ehre und Anerkennung suchte. Zunächst war er stolz auf seine Arbeit. Doch Arbeitsplätze waren immer weniger gesichert, und die Bezahlung für die unteren neunzig Prozent blieb gering. Und zudem gab der Staat Leuten Geld, die nicht arbeiteten, und untergrub damit die mit der Arbeit verknüpfte Anerkennung und Ehre.

Wenn er schon aus seiner Arbeit keinen Stolz beziehen konnte, versuchte der Tea-Party-Mann es eben mit seiner Heimatregion und seinem Bundesstaat, stieß jedoch auch dort auf Probleme. „Wir sind der Staat, über den man hinwegfliegt”, erklärte mir eine Lehrerin und Tea-Party-Anhängerin. „Wir gelten als rückständig und arm”, beklagte jemand. Ebenso wie die zu den Republikanern neigenden Farmer im Mittelwesten die Bezeichnung „Landeier” (hayseeds) als beleidigend empfanden und Bergleute in den Appalachen als „Hillbillys” galten, mussten auch Südstaatler als Bewohner ihrer Region einen unverdienten Schlag im Ansehen der Nation hinnehmen.

Familienwerte als letzter Halt

Wenn auch regionale Herkunft und der eigene Bundesstaat nicht als Basis von Ehre und Anerkennung dienen konnten, so zählten immerhin starke Familienwerte noch. Sollten sie ihrem Moralkodex nicht gerecht werden können – der eine lebenslange heterosexuelle, monogame und gegen Abtreibung gerichtete Ehe vorsah –, waren sie doch stolz auf ihre Moralvorstellungen, obwohl es nicht einfach war, danach zu leben.

Und dann die Kirche: Viele äußerten sich wie Janice Areno zum Wert des „Bekirchtseins” und der Abgabe des Zehnten. Doch manche der Glaubenslehren, die sie in der Kirche lernten – dass die Erde an sieben Tagen erschaffen worden sei, der Himmel ein gigantischer Kubus sei, Eva aus Adams Rippe gemacht wurde und die Evolution nie stattgefunden habe –, galten, wenn man sie wörtlich nahm, in den Augen einer breiteren, säkulareren Welt als Zeichen mangelnder Bildung.

Doch für Janice, Jackie, Madonna und etliche andere der von mir Befragten war das Christsein und der Glaube an Jesus als Erlöser eine Art, zu sagen: „Ich verpflichte mich, ein moralischer Mensch zu sein. Täglich bemühe ich mich, gut zu sein, zu helfen, zu verzeihen und wirklich hart daran zu arbeiten, gut zu sein.” Eine Frau erklärte mir: „Wenn ich weiß, dass jemand Christ ist, weiß ich, dass wir viel gemeinsam haben. Dann bin ich viel eher geneigt, darauf zu vertrauen, dass er oder sie ein moralischer Mensch ist, als ich es bei einem Nichtchristen wäre.”

Allen diesen anderen Grundlagen der Ehre und Anerkennung – Arbeit, regionale Herkunft, Bundesstaat, Familienleben und Kirche – lag der Stolz auf das Selbstverständnis in der Tiefengeschichte zugrunde. Die Menschen, die ich kennenlernte, hatten viel geopfert und bezogen aus diesen Opfern Ehre und Anerkennung. Obwohl nahezu alle meine Gesprächspartner zwei, höchstens drei Kinder hatten und einige kinderlos waren, zollten einige ihren Müttern oder Großeltern Anerkennung, weil sie sehr große Familien aufgezogen hatten – eine schwierige Aufgabe. Und sie waren stolz auf ihren Beitrag zu ihrer Gemeinde.

Was für Liberale ein Problem darstellte – die Tatsache, dass Konservative sich nach „oben” mit dem einen Prozent, der Klasse der Plantagenbesitzer, identifizierten –, war für die Tea-Party-Anhänger, die ich kennenlernte, eine Quelle des Stolzes. Es zeigte, dass sie optimistisch und hoffnungsvoll waren und sich bemühten. Dass sie selten den Blick auf die Schlange hinter sich richteten, war kein Problem. Warum sollten sie es jemandem verübeln, wenn er es bis ganz an die Spitze geschafft hatte, fragten sie sich. Dieser Blick nach vorn, selbst wenn die Lage aussichtslos schien, war ein Merkmal, das ihr tapferes Tiefengeschichten-Ich kennzeichnete.

Liberaler Kosmopolitismus – das feindliche Gegenmodell

Allem Anschein nach war ein solches Selbstverständnis jedoch immer weniger eine Quelle der Ehre und Anerkennung. Zunehmend rückte ein Selbstbild anderer Art in den Vordergrund, eines, das stärker von einer kosmopolitischen oberen Mittelschicht geprägt war, die ein weit gestreutes Netzwerk lockerer Freundschaften pflegte, sich auf den Wettbewerb um Zugang zu renommierten Elite-Colleges und steile Karrieren vorbereitete, die Menschen weit fort von ihrer Heimat führen konnten. Solche kosmopolitischen Persönlichkeiten waren darauf ausgerichtet, sich ihren Weg in die globale Elite zu bahnen. Sie kamen damit zurecht, weiter von ihren Wurzeln entfernt zu leben, und waren bereit zu gehen, wenn sich ihnen eine Chance bot. Sie bezogen erheblichen Stolz aus liberalen Anliegen: Menschenrechte, Gleichheit aller Menschen, Kampf gegen Erderwärmung.

Viele Liberale der oberen Mittelschicht, weiße wie auch schwarze, merkten gar nicht, was sie mit ihrem Selbstverständnis in emotionaler Hinsicht verdrängten. Denn mit den Arbeitsplätzen für einfache Arbeiter kam deren Lebensweise aus der Mode und damit auch die Ehre und Anerkennung, die mit einer verwurzelten Persönlichkeit und dem Stolz auf das Durchhaltevermögen verknüpft waren – das mit der Tiefengeschichte verbundene Selbstverständnis. Die liberale obere Mittelschicht sah in der Gemeinschaft nur Abschottung und Engstirnigkeit, nicht die Quelle von Zugehörigkeit und Anerkennung. Dabei war ihnen offenbar nicht klar, dass sie angesichts der Trends „jenseits der Hügelkuppe” vielleicht die Nächsten wären, die verdrängt würden.

Die wechselnden moralischen Voraussetzungen für den amerikanischen Traum hatten die Tea-Party-Anhänger in den gesamten Vereinigten Staaten zu Fremden im eigenen Land gemacht, voller Angst und Wut auf die Menschen, die sich ihrer Ansicht nach in der Warteschlange vordrängelten und sie verdrängten und ihres Platzes verwiesen. Der unerklärte Klassenkampf, der sich mit anderen Akteuren auf einer anderen Bühne abspielte und einen anderen Gerechtigkeitsbegriff heraufbeschwor, veranlasste die Beteiligten, dem „Beschaffer” dieser Vordrängler die Schuld zu geben: dem Staat.

Und als 2015 syrische Flüchtlinge, die vor dem Krieg in ihrer Heimat flohen, in die Vereinigten Staaten kamen, hatten meine Tea-Party-Informanten den Eindruck, dass noch mehr Gesichter sich in der Warteschlange vordrängten – die zudem auch noch gefährlich waren. Lee Sherman sah die Syrer als potentielle IS-Mitglieder. „Neunzig Prozent davon sind Männer, und ich finde, wir sollten sie nach Guantánamo bringen”, erklärte er. „Aber sie sind doch keine feindlichen Kombattanten”, wandte ich ein. „Ich weiß”, antwortete er, „man kann ja die Zäune wegmachen, damit es weniger wie ein Gefängnis ist. Wenn man sie in die USA lässt, haben sie alle Ansprüche wie wir.” Mike Schaff, selbst ein Vertriebener des durch Erdölbohrungen entstandenen Bayou-Corne-Krater, verglich die Flüchtlinge mit Südstaatlern im Bürgerkrieg: „General Lee führte tapfere Südstaatler an, die zwar erheblich in der Unterzahl und jämmerlich unzureichend bewaffnet waren, sich aber weigerten, ihr Land als Flüchtlinge zu verlassen. Sie blieben, kämpften und viele starben. Ihre Frauen und Kinder, von denen viele vergewaltigt und ermordet wurden, blieben ebenfalls, um sich um ihre Häuser zu kümmern. Auch nach der Niederlage flohen sie nicht. Sie blieben, um unseren Staat schließlich umzugestalten. Die Syrer sollten in Syrien bleiben, einen Standpunkt beziehen und für das kämpfen, woran sie glauben. Wenn du flüchtest, bist du meiner Ansicht nach ein Verräter an dir selbst. Ich weiß, das ist hart, aber manchmal müssen wir harte Entscheidungen treffen.” Und Jackie Tabor erklärte: „Wir beschützen Muslime und verfolgen Christen. Haben Sie je eine muslimische Wohltätigkeitsveranstaltung für Menschen in Not erlebt oder Suppenküchen für Obdachlose? Ein muslimisches Erntedankfest? Wo steht der muslimische Name auf der Unabhängigkeitserklärung?” Während Mike die syrischen Flüchtlinge aus dem Blickwinkel der 1860er Jahre sah, ordnete Jackie ihre Aufnahme eher dem multikulturellen Klima der 1960er Jahre zu, das ihre heilige religiöse Kultur im Kern bedrohte.

Der Süden als Vorbild – für eine neue Sezession

Als Fremde in ihrem eigenen Land wollten Lee, Mike und Jackie ihre Heimat zurückbekommen, und genau das versprach ihnen erst die Tea Party und dann Donald Trump. Sie boten ihnen finanzielle Freiheit von Steuern und emotionale Freiheit von den Einschränkungen der liberalen Philosophie und deren Gefühlsregeln. Liberale dagegen verlangten von ihnen Mitgefühl mit den Unterdrückten hinten in der Warteschlange, mit den „Sklaven” der Gesellschaft. Das wollten sie jedoch nicht aufbringen, fühlten sie sich doch selbst unterdrückt und wollten nur zur Elite „aufschauen”. Denn was war falsch am Streben nach oben? Das war ihrer Ansicht nach die größere Tugend. Liberale verlangten von ihnen, ihre Empörung gegen die unrechtmäßig erworbenen Gewinne der allzu Reichen, der „Plantagenbesitzer”, zu richten; die Rechte wollte, dass sie ihren Unmut gegen die armen Schlucker wendeten, von denen manche sich in der Warteschlange vordrängten.

Ein entscheidender kultureller Beitrag des Südens zur modernen landesweiten Rechten besteht möglicherweise in seinem bleibenden Vermächtnis der Sezession. Im 19. Jahrhundert ging es dabei um eine geographische Abspaltung: Der Süden trennte sich vom Norden. Von 1860 bis 1865 etablierten sich die elf konföderierten Staaten als eigenständiges Staatsgebiet und unabhängige Nation. Die heutigen Rechten, die ich kennenlernte, streben eine andere Trennung an – die von Arm und Reich. In ihrer idealen Welt würde der Staat den Reichen nichts nehmen, um es den Armen zu geben. Er würde das Militär und die Nationalgarde finanzieren, Fernstraßen bauen, Häfen ausbaggern und ansonsten weitgehend verschwinden.

Nach den Vorstellungen der Tea Party würden Norden und Süden sich vereinen, dafür aber würde sich eine neue Kluft weit öffnen: Die Reichen würden sich von den Armen trennen – weil so viele von ihnen sich „in der Warteschlange vordrängen”. In den 1970er Jahren war viel von Präsident Nixons „Südstaatenstrategie” die Rede, die an die Angst Weißer vor dem Aufstieg Schwarzer appellierte und Weiße von der Demokratischen Partei zu den Republikanern trieb. Doch im 21. Jahrhundert hat sich eine „Nordstaatenstrategie” entwickelt, in der Konservative im Norden sich denen im Süden anschließen – und zwar in einer Bewegung, in der die Reichen und alle, die sich mit ihnen identifizieren, sich von der Last befreien, den Unterprivilegierten zu helfen. In den gesamten Vereinigten Staaten herrscht die Vorstellung, dass Almosen einzustellen seien. Dann würden die Reicheren im ganzen Land frei sein von den Ärmeren und sich von ihnen trennen.

Erlöser Trump – die Erfüllung aller Wünsche

Im Rückblick auf meine vorherigen Forschungen wurde mir klar, dass für Trumps Aufstieg optimale Voraussetzungen bestanden – genau wie beim Zunder, bevor das Streichholz angezündet wird.

Drei Dinge kamen dafür zusammen: Seit 1980 hatten praktisch alle meine Gesprächspartner das Gefühl, wirtschaftlich auf unsicherem Boden zu stehen, eine Tatsache, die sie allein schon vor dem Gedanken an eine „Umverteilung” zurückschrecken ließ. Auch kulturell fühlten sie sich an den Rand gedrängt mit ihren Ansichten zu Abtreibung, Homosexuellen-Ehe, Genderrollen, „Rasse”, Schusswaffen und der Konföderierten-Flagge – Einstellungen, über die sich die landesweiten Medien als rückständig lustig machten. Zudem empfanden sie sich als Teil eines demographischen Niedergangs. „Es gibt immer weniger weiße Christen wie uns”, hatte Madonna mir erzählt. Allmählich fühlten sie sich wie eine bedrängte Minderheit. Und zu diesen Gefühlen kam noch die kulturelle Tendenz hinzu, sich auf der sozialen Stufenleiter nach „oben” mit dem Plantagenbesitzer und dem Ölmagnaten zu identifizieren und sich gefühlsmäßig von den Menschen auf den unteren Stufen abzugrenzen, wie W.J. Cash es in seinem Buch „The Mind of the South“ beschrieb, obwohl diese Haltung in abgeschwächter Form auch außerhalb der Südstaaten zu finden ist.

All das war Teil der „Tiefengeschichte”, in der Fremde sich in der Warteschlange vordrängten, dich beunruhigten, wütend und ängstlich machten. Ein Präsident, der sich auf die Seite der Vordrängler stellte, machte dich misstrauisch und gab dir das Gefühl, verraten zu werden. Jemand, der in der Schlange vor dir stand, beleidigte dich als ignoranten Redneck, demütigte dich und machte dich wütend. Wirtschaftlich, kulturell, demographisch und politisch warst du plötzlich ein Fremder in deinem Land. Der gesamte Kontext Louisianas – Unternehmen, Regierung, Kirche und Medien – bestätigte diese Tiefengeschichte. So sah die Lage aus, bevor das Streichholz angezündet wurde.

Trumps Anhänger betrauern den Verlust einer Lebensweise. Viele sind entmutigt, andere deprimiert. Sie sehnen sich nach Stolz, verspüren aber nur Scham. Sie empfinden das Land nicht mehr als das ihre. Zusammen mit anderen, die so sind wie sie, fühlen sie sich nun von Hoffnung und Freude erfüllt und beschwingt. Der Mann, der bei einer Trump-Rede mit erhobenen Armen staunend ausruft: „In Gegenwart eines solchen Mannes zu sein!”, ist offenbar in einem Zustand der Verzückung. Wie durch ein Wunder aufgerichtet, sind sie nicht länger Fremde im eigenen Land.

Gesprengte Gefühlsketten: Der Kampf gegen die politische Korrektheit

Emotional passierte in Trumps Wahlkampf noch etwas anderes Wichtiges, was wie ein Streichholz an trockenem Zunder wirkte. Die Hochstimmung auf Trumps Veranstaltungen wurde noch durch eine gewisse Erleichterung verstärkt, von den Fesseln politisch korrekter Ausdrucksweisen und Ideen befreit zu sein. „Räumen wir mit politischer Korrektheit auf!”, rief Trump. Damit schüttelte er nicht nur eine Fülle „politisch korrekter” Einstellungen ab, sondern auch einen Satz von „Gefühlsregeln“, also feste Vorstellungen in Bezug auf die richtigen Gefühle gegenüber Schwarzen, Frauen, Einwanderern und Homosexuellen.

Bei den Rechten, die ich kennenlernte, herrschten zwei Gefühle vor: Erstens empfanden sie die eigene Tiefengeschichte als zutreffend. Zweitens hatten sie den Eindruck, dass Liberale behaupteten, diese Darstellung entspräche nicht der Wahrheit und sie hätten nicht die richtigen Gefühle. Schwarze und Frauen, die von Fördermaßnahmen profitierten, sowie Einwanderer, Flüchtlinge und Staatsbedienstete stählen ihnen in Wirklichkeit gar nicht ihren Platz in der Warteschlange, daher sollten sie auch keinen Groll gegen sie hegen. Obamas Unterstützung dieser Gruppen sei kein Verrat an ihnen, erklärten die Liberalen. Der Erfolg derer, die sie überholten, gehe in Wirklichkeit nicht auf Kosten weißer Männer und ihrer Frauen. Mit anderen Worten: Die Menschen am äußeren rechten Rand hatten das Gefühl, die Tiefengeschichte gebe ihre tatsächliche Situation wieder, die jedoch durch eine politisch korrekte Darstellung vertuscht werde. Sie waren empört. „Die Leute denken, wir seien keine guten Menschen, wenn wir kein Mitleid mit Schwarzen, Einwanderern und syrischen Flüchtlingen haben”, sagte mir ein Mann. „Aber ich bin ein guter Mensch, und ich habe kein Mitleid mit ihnen.”

Wie meine neuen Freunde mir erklärten, machte die Vertuschung es notwendig, dass sie ihre Gefühlsäußerungen und in gewissem Maße sogar ihre Gefühle kontrollierten. Bei Freunden, Nachbarn und Familienmitgliedern brauchten sie das nicht zu tun. Sie merkten jedoch, dass der Rest Amerikas anderer Meinung war. („Ich weiß, Liberale wollen, dass wir Mitleid mit den Schwarzen haben. Ich weiß, sie glauben, sie seien so idealistisch und wir nicht.”) Meine rechten Freunde fühlten sich genötigt, ihre Gefühle zu ändern, und das gefiel ihnen nicht; sie fühlten sich den wachsamen Augen der „Politische-Korrektheit-Polizei” ausgesetzt. Was ihre Gefühle betraf, hatten sie den Eindruck, dass man sie wie Kriminelle behandelte und die Liberalen die Waffen hatten.

Daher hörten viele mit freudiger Erleichterung einen Donald Trump reden, der offenbar hemmungslos, omnipotent und wunderbar frei von jeglichen Einschränkungen durch politische Korrektheit war. Er äußerte sich verallgemeinernd über alle Muslime, alle Mexikaner, alle Frauen – unter anderem auch darüber, dass Frauen menstruierten, was er „ekelhaft” fand. (So sagte er über Megyn Kelly, die Nachrichtenmoderatorin von „Fox News“, sie „blute aus was auch immer”). Munter imitierte er einen behinderten Journalisten, indem er seine Arme schüttelte und so eine Zerebralparese nachahmte – in den Augen seiner Gegner alles zutiefst abfällige Äußerungen, die jedoch befreiend auf all jene wirkten, die sich durch die Mitleidsverpflichtung geknebelt fühlten. Trump ermöglichte es ihnen, sich als gute, moralische Amerikaner zu empfinden und zugleich überlegen gegenüber Menschen zu fühlen, die sie für „anders” oder unter ihnen stehend hielten.

Ein Rausch der Erleichterung

Diese berauschende, reinigende Erleichterung sorgte für eine „Hochstimmung”, die sich gut anfühlte. Und natürlich wollten Menschen sich gut fühlen. Der Wunsch, diese Euphorie zu bewahren, wurde zu einem emotionalen Eigeninteresse. Viele liberale Analysten – auch ich – konzentrierten sich dagegen tendenziell auf wirtschaftliche Interessen. Diese Fokussierung hatte mich dazu veranlasst, ebenso wie Thomas Frank in seinem Buch „Was ist mit Kansas los?“ das große Paradox wie einen Koffer auf meiner Reise durch Louisiana mitzuschleppen. Immer wieder hatte ich gefragt, warum es angesichts so zahlreicher Probleme so viel Geringschätzung für Bundesmittel gab, die sie zu lindern halfen? Solche Fragen zielten stark auf ökonomisches Eigeninteresse, das zwar nie völlig fehlte, doch was ich feststellte, war die grundlegende Bedeutung des emotionalen Eigeninteresses – einer berauschenden Befreiung von dem Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein.

Und nachdem sie dieses „Hochgefühl” erlebt hatten, Teil einer mächtigen, gleichgesinnten Mehrheit zu sein, die von den politisch korrekten Gefühlsregeln endlich befreit wurde, wollen viele diese Euphorie unbedingt bewahren. Dazu wehren sie alle Kritik an Trump ab, lassen sie keinerlei Raum für eventuelle Zweifel und suchen weiterhin Bestätigung nur ihrer eigenen Meinung, um das eigene, höchst fragile Hochgefühl zu schützen. Hier liegt die eigentliche, die emotionale Basis der Macht Donald Trumps, die seine Anhänger gegen jedes bessere Wissen verteidigen werden.

Der Beitrag basiert auf „Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“, dem neuesten Buch der Autorin, das soeben im Campus Verlag erschienen ist. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Ulrike Bischoff.

 

 


[1]Wilbur J. Cash, The Mind of the South, New York 1991, S. 39.

[2]Ebd., S. 217.

[3]Im Süden gab es zwar eine kleine Zahl schwarzer Sklavenhalter und weißer Schuldknechte, aber die Mehrzahl der Opfer waren Schwarze, deren Schicksal am meisten Furcht weckte. In den Südstaaten kam es zu 3959 Fällen von Lynchjustiz, in Louisiana zu 540 und im Calcasieu Parish zu vier, doch kein einziges Denkmal erinnert an die Opfer.

[4]Wilbur J. Cash, a.a.O., S. 22.

[5]Ebd., Plantagen wurden häufig von Banken im Norden finanziert, die gelegentlich auch deren Eigentümer waren.

[6]Ebd., S. 23.

[7]Ebd.

[8]Chip Berlet, Reframing Populist Resentment in the Tea Party Movement, in: Lawrence Rosenthal und Christine Trost, Steep: The Precipitous Rise of the Tea Party, Berkeley 2012.

[9]Doug McAdam, Freedom Summer, Oxford 1990.

[10]Auch mein Mann Adam und ich gehörten dazu. Für die Organisation der Studenten sorgten zwei Gruppen gemeinsam: CORE (Congress for Racial Equality mit Sitz in Chicago) und SNCC (Student Nonviolent Coordinating Committee).

[11]Der Civil Rights Act wurde 1964 um Title VII ergänzt, der die Diskriminierung von Frauen verbot, und 1972 um Title IX, der Diskriminierung im Bildungswesen untersagt.

[12]Todd Gitlin, The Twilight of Common Dreams: Why America Is Wracked by Culture Wars, New York 1995, S. 124 f.

[13]Citizens for Tax Justice, Corporate Taxpayers and Corporate Tax Dogers, November 2011, www.ctj.org.

(aus: »Blätter« 10/2017, Seite 55-67)
Themen: USA, Rassismus und Rechtsradikalismus

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