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Klimahauptstadt Kopenhagen

von Friederike Biron

Erst der Austritt Donald Trumps aus dem Pariser Abkommen, dann die dürftigen Ergebnisse der Bonner Klimakonferenz: Immer deutlicher wird, dass die Klimapolitik auf der Stelle tritt. Immer mehr schwindet damit auch die Hoffnung, dass das Zwei-Grad-Ziel wirklich eingehalten werden kann.

Besonders alarmiert darüber sind die großen Küstenstädte – und von den Megacities, in die immer mehr Menschen heute drängen, liegen besonders viele an den Küsten. Sie fürchten den Klimawandel besonders, und zwar aus zwei Gründen: Einerseits steigt der Meeresspiegel durch das Abschmelzen der Gletscher und die Erwärmung, durch die sich das Wasser ausdehnt. Bis Ende des Jahrhunderts rechnet man mit einem globalen Anstieg von einem Meter. Und außerdem, was den meisten weniger bewusst ist, fürchten Küstenstädte die heftiger werdenden Niederschläge. Gerade an den Küsten regnet sich das verdunstende Meerwasser ab, und die Klimaveränderung macht sich etwa durch Starkregenfälle auch hier deutlich bemerkbar. Weil aber die große, globale Lösung der Klimapolitik auf sich warten lässt, findet gerade in den Küstenstädten eine Umstellung statt – von der globalen Prävention zum Umgang mit den direkten Folgen und der Erhöhung der Resilienz, der Widerstandskraft gegen die Klima-Ereignisse. Längst sind es jedoch nicht nur die Länder des globalen Südens, die sich solchen Fragen stellen, zumal ihnen oft auch die erforderlichen Mittel für grundlegende Maßnahmen fehlen. Ein besonderer Vorreiter ist vielmehr Dänemark, insbesondere dessen Hauptstadt.

Für Kopenhagen ist eine derartige Katastrophenvorsorge ohnehin kein Novum. Schließlich steht schon lange fest, dass der Klimawandel in Zukunft stärkere Regenfälle bringen wird – was Kopenhagen selbst massiv erlitten hat. So fielen am 2. Juli 2011, ein Tag, an den sich jeder in der dänischen Hauptstadt erinnert, innerhalb von zwei Stunden fast 150 Milliliter Regen pro Quadratmeter – normalerweise die Menge von zwei Monaten – und setzten die gesamte Stadt unter Wasser. Die Gesamtschäden summierten sich dabei auf eine Milliarde Euro. Die Konsequenz: Die Stadt hat einen „Cloudburst Management Plan“, also einen „Wolkenbruch-Plan“, und ein Konzept zur Klimaanpassung auf den Weg gebracht. Unzählige Einzelmaßnahmen sollen Kopenhagen sicher machen und dabei zwei zentralen Grundsätzen („blau und grün“) folgen. Erstens, der blaue Pfad: Das Regenwasser wird gar nicht erst in die Abwasserkanäle geleitet, sondern durch das natürliche Gefälle direkt ins Meer. Ein neuer Fahrradweg etwa kann bei Überflutung zum Kanal werden. Zweitens, der grüne Pfad: Das Wasser wird direkt vor Ort genutzt, um aus Kopenhagen eine grünere Stadt zu machen. Parks werden so angelegt, dass sie als Versickerungsbecken funktionieren können.

Binnen zwanzig Jahren sollen die Maßnahmen in der gesamten Stadt umgesetzt werden. Im Klimaquartier, einem Viertel, das als eine Art Labor und Experimentierfeld in Sachen Klimaanpassung dient, sind sie heute schon realisiert.[1] So wurde der Tåsinge Platz in Østerbro, nördlich der Innenstadt gelegen, der vorher eine asphaltierte Fläche war, zu einer hügeligen, grünen Oase umgebaut. Bei extremem Regen funktionieren die abgesenkten Beete zugleich als Überlaufbecken. Unnötige Asphaltflächen werden in Grünflächen umgewandelt, die das Regenwasser auffangen können. Zwei Blocks weiter führt eine Wendeltreppe zu einem Dachgarten voller Gemüsebeete, dem ØsterGRO. In einem kleinen Restaurant kann man das frisch geerntete Gemüse direkt verspeisen. Heute ragen auf dem Tåsinge-Platz drei Stahlskulpturen wie umgedrehte Regenschirme in den Himmel. Wenn Kinder auf den Bodenplatten wippen, setzen sie eine Pumpe in Bewegung, die das in den Schirmen gesammelte Regenwasser in eine kleine Versenkung des Platzes spült.

Die Gegend wurde nicht nur wegen ihrer breiten Straßen ausgewählt, sondern auch wegen des niedrigen Einkommens der Anwohner. Bei der Verwirklichung der Klimaprojekte versucht die Stadt, soziale Aspekte mitzudenken. Und getreu skandinavischer Mitbestimmungsprinzipien spielten die Bewohnerinnen und Bewohner beim Umbau des Viertels eine wichtige Rolle. So wurden etwa Prototypen möglicher Spiel- und Sitzelemente aufgestellt, so dass die Bürger sie selbst ausprobieren konnten. Mittlerweile kommen Experten und Journalisten aus aller Welt, um sich das Vorzeigeprojekt anzusehen. Diese enorme Aufmerksamkeit tut ein Übriges: Die Bewohner sind stolz auf ihr Viertel – zumal der Praxistest positiv ausgefallen ist. Die ersten starken Regenfälle nach den Umbauten hat das Viertel gut überstanden. Aber das Wasser kommt ja nicht nur von oben. Als Nächstes wird Kopenhagen einen Küstenschutzplan in Angriff nehmen. Durch den Anstieg des Meeresspiegels fehlte bei der letzten Sturmflut nicht viel, um zwei Drittel des Flughafengeländes zu überschwemmen und die U-Bahn-Schächte voll Wasser laufen zu lassen. Das wäre eine Katastrophe gewesen, die jene des 2. Juli 2011 weit in den Schatten gestellt hätte.

All das hat zu einem erstaunlichen Ergebnis geführt: Als der Bürgermeister für Umwelt, Morten Kabell, die Pläne zur Klimasicherheit veröffentlichte, beschwerten sich die Bürger nicht über die Kosten – immerhin 1,6 Mrd. Euro für die nächsten 300 Projekte –, sondern fragten: Können wir mehr bezahlen, damit es schneller geht?

Viele andere Küstenstädte haben sich Kopenhagen zum Vorbild genommen. Auch Hamburg, Buenos Aires oder New York arbeiten daran, ihre Städte klimasicher zu machen. Mittlerweile ist „to copenhagenize“ sogar zu einem geflügelten Wort auf Konferenzen geworden. Mehr noch als auf das Wolkenbruch-Management bezieht sich dieses ganz eigene Öko-Label auf die immense Fahrradfreundlichkeit der Stadt mit ihren breiten Radschnellwegen. Laut neuester Zahlen fahren stolze 62 Prozent der Kopenhagener mit dem Fahrrad zur Arbeit. Kopenhagen ist damit auch Vorreiterin für eine erstaunliche Verantwortungsgemeinschaft von Stadtpolitik und Bürgerschaft. Austausch und Zusammenarbeit erfolgen wesentlich enger als mit der nationalen Regierung. „Nations talk, cities act“ (Länder reden, Städte handeln), mit diesem Sprichwort bringt Bürgermeister Kabell die Kraft seiner Stadt auf den Punkt.

Inzwischen hat sich Kopenhagen ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Als erste Hauptstadt der Welt möchte es 2025 klimaneutral sein. Vierzig Prozent der CO2-Emissionen hat die Stadt schon eingespart. Und darin sind die jüngst durchgeführten großen Maßnahmen noch gar nicht eingerechnet, da sie nur langsam Wirkung zeitigen. Es ist also durchaus realistisch, dass die Stadt dieses Ziel auch erreichen wird.

Gewiss, noch sind all das Projekte, die sich vor allem die reichen Städte des Nordens leisten können. Dadurch aber werden sie nicht weniger dringlich. Denn eines hat sich bis heute nicht geändert: Der Norden ist der Hauptverursacher der CO2-Emissionen – und damit auch am stärksten verpflichtet, diese endlich abzubauen oder zumindest Wege zu finden, mit den fatalen Folgen umzugehen.


[1] Ausführlicher Friederike Biron, Nah am Wasser gebaut, in: „Kulturaustausch“, III/2017. 

(aus: »Blätter« 1/2018, Seite 91-92)
Themen: Ökologie

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