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Dem Kollegen, Freund und Lehrer

»Es gibt Alternativen« Zum Tode von Elmar Altvater

attac Deutschland (CC BY-ND 2.0) Foto: attac Deutschland (CC BY-ND 2.0)

von Bodo Zeuner

Am 1. Mai, vier Tage vor dem 200. Geburtstag von Karl Marx, starb nach schwerer Krankheit der bedeutende Marxist Elmar Altvater. Auf ihn traf das doch so abgenutzte Wort des Vordenkers tatsächlich zu; vor allem mit seiner Verbindung von ökonomischem und ökologischem Denken hat er Generationen von Studierenden politisiert. In seiner 2006 in den »Blättern« veröffentlichten Abschiedsvorlesung »Was heißt und zu welchem Ende betreiben wir Kapitalismuskritik?« antwortete er auf ebendiese Frage: »Weil wir die Welt verändern müssen, wenn wir wollen, dass sie bleibt. Die Geschichte ist nicht am Ende. Es gibt Alternativen.« In einer Welt vermeintlicher Alternativlosigkeit bleibt diese Position für jedes kritische Denken unabdingbar und ein fortwährender Auftrag. Am 9. Mai 2018 fand in der Kapelle des Friedhofs »In den Kisseln« und anschließend im Paul-Schneider-Haus der evangelischen Luther-Kirchengemeinde in Berlin-Spandau die Trauerfeier statt. Wir dokumentieren die beiden dort gehaltenen Reden. – D. Red.

Elmar Altvater war mein Kollege am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin seit 1972 bis zu seiner Emeritierung 2004. Er war 1971 zum Professor für Politische Ökonomie am reformierten OSI berufen worden, wo man damals die Forderung der Studentenbewegung, „Marx an die Uni“, tatsächlich ernst nahm. Ich wurde 1972, nach meinem Rauswurf als Rebell bei Rudolf Augsteins „Spiegel“, am OSI Assistenzprofessor für Interessenverbandsforschung.

In der SAZ, der Sozialistischen Assistentenzelle, und im Redaktionskollektiv Gewerkschaften der Zeitschrift „Prokla“ kamen wir einander näher, diskutierten mit Christel Neusüß, Jürgen Hoffmann, Hajo Funke und anderen über das Verhältnis von Parteien und Gewerkschaften, von ökonomischem und politischem Kampf in Theorie und Praxis. Wir analysierten die Klassenverhältnisse und politischen Verschiebungen in Deutschland, Frankreich und Italien, entwarfen Projekte und verwarfen Illusionen.

Am OSI machten wir gemeinsam Institutspolitik. Es war ja nicht unwichtig, wie am größten deutschen politikwissenschaftlichen Fachbereich die Stellen der Lehrenden inhaltlich definiert wurden, wer diese Stellen bekam, welche Schwerpunkte die Studienordnung setzte, wie die Gelder auf die verschiedenen Arbeitsbereiche verteilt wurden. In der OSI-Politik haben wir viel gemeinsam vertreten und versucht und einiges bewegt. Dabei konnten wir uns immer aufeinander verlassen. Die schlimmste Niederlage war, dass es 2006 nicht gelang, einen Nachfolger durchzusetzen, der seine Tradition der Politischen Ökonomie fortführte. „Marx an die Uni“ – dieser 1971 erreichte Fortschritt war damit in einem Kernbereich jeder seriösen Politikwissenschaft, der Politischen Ökonomie, wieder kassiert worden.

Elmar Altvater war für mich in vielen Dingen ein Lehrer, nicht nur in Fragen der Theorie und der Ökonomie, sondern auch in seinem persönlichen und politischen Verhalten. Dazu drei Beispiele. In den 70ern hatte er einen Vortrag vor einem Unternehmerclub gehalten, der gern mal einen Marxisten kennenlernen wollte, für ein in diesen Kreisen übliches Honorar. Einige frotzelten ihn deshalb an. Er sagte, dass es nicht schaden könne, die Unternehmer schlauer oder nachdenklicher zu machen. Allerdings sei für ihn klar, dass er das Honorar für politische Zwecke spenden würde, denn wenn man das nicht tue, bestehe Korruptionsgefahr. So hat er es sein Leben lang gehalten: Das Professorengehalt reichte für ein gutes Leben – mehr Geld zu scheffeln und warum alle Welt es tat, war Gegenstand seiner Wissenschaft, er selber aber ließ sich vom Motiv des „Mehr“ niemals leiten.

1972 drohte eine Spaltung des OSI. Die SAZ hatte mit einem „Marxistischen Studienplan“ den Eindruck erweckt, sie wolle der „bürgerlichen Mehrheit“ der OSI-Professoren die Studenten abspenstig machen. Diese Mehrheit fühlte sich bedroht und schlug eine Spaltung des OSI vor, bei der die Marxisten unter sich bleiben durften, aber alle anderen – samt der Lehrerbildung – bei den Historikern eingegliedert werden sollten. Dass dieser Vorschlag nicht durchkam, lag auch daran, dass der Professor Elmar Altvater bei einer Befragung im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses, trotz Marx-ähnlichen Bartes, eine glänzende Figur machte und so manchen Politikern zum ersten Mal klar wurde, dass Marxisten ganz vernünftige Mitmenschen mit seriösen Argumenten sein können. In den 80ern war Elmar selbst Dekan am OSI, und das nicht etwa infolge einer Machtübernahme der Linken, sondern weil er mittlerweile als Wissenschaftler und als Kollege die Anerkennung und das Vertrauen auch der nichtmarxistischen Professoren (und der anderen Fachbereichsratsmitglieder sowieso) gewonnen hatte. Er vertrat die Interessen des Fachbereichs gegenüber dem Präsidium äußerst erfolgreich.

Elmar Altvater war also in Theorie und Praxis nicht nur ein Welt-Ökonom, sondern auch ein hervorragender lokal agierender Politikwissenschaftler. Viele Politologen, die wie ich am OSI neben und von ihm gelernt und geforscht haben, sind von ihm wie von keinem anderen gefordert und unterstützt, belehrt und gefördert, ja oft auch verunsichert und geläutert worden. Elmar – natürlich bist du unersetzlich – aber Du hast uns gerade in Deiner Vielfalt unglaublich viele Inspirationen mitgegeben. Danke!

 

(aus: »Blätter« 6/2018, Seite 116-117)
Themen: Geschichte, Kapitalismus und Ökologie

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