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Bleiben wir beharrlich!

Unbestechlich links: Zum Tode Norman Birnbaums

von Norman Birnbaum

Am 4. Januar 2019 starb im Alter von 92 Jahren der Soziologe und bedeutende Intellektuelle Norman Birnbaum. Über 20 Jahre, seit Januar 1998, war er Mitherausgeber der »Blätter« und damit das erste nichtdeutsche Mitglied dieses Kreises (seit Mai 2011 zählen auch Seyla Benhabib und Saskia Sassen dazu). Vor allem aber war Norman Birnbaum ein universalistisch gebildeter Grenzgänger: zwischen Wissenschaft, Journalismus und Politik, aber auch zwischen den USA und Europa. Bereits ab Mitte der 1950er Jahre studierte er in Deutschland und Frankreich; und so wünschte ihn sich Wolfgang Abendroth, wie uns dessen Tochter Elisabeth mitteilte, 1965 in einem Brief an Adorno auf den Soziologielehrstuhl an der Universität Marburg. Wie kaum ein Zweiter verkörperte der Berater von Robert und Edward Kennedy das andere, das demokratisch aufgeklärte Amerika. Gerade in den Zeiten von Donald Trump wird uns »der Mann mit dem Röntgenblick« (»Süddeutsche Zeitung«), dieser ständige Übersetzer und Vermittler zwischen den USA und Europa, bitter fehlen (siehe auch die Würdigung von Bettina Gaus zu Birnbaums 90. Geburtstag: »Beständig kritisch«, in »Blätter«, 7/2016).

Von Beginn an kreiste das Denken Norman Birnbaums um Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Linken, in einem geistesgeschichtlich umfassenden Sinne. Wir erinnern daher an ihn mit einem persönlichen Text von Jürgen Trittin und mit Passagen aus zwei seiner letzten Texte für die »Blätter«, die nun auch den Charakter eines Vermächtnisses erhalten haben. – D. Red. 

Philosophisch wurzelt die Linke in der Aufklärung mit ihrer Zurückweisung von Thron und Altar. Materielle Umverteilung erstrebte die Linke aus moralischen Gründen – um der Wandlung der menschlichen Natur willen. Der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft würde, so dachte man, die Erbauer verändern. Obwohl durch und durch säkular, hatte diese Vorstellung zweifellos religiöse Ursprünge. Sie blieb säkular und schöpfte aus den Wissenschaft und Technologie zugeschriebenen Kräften neue Hoffnung. Die Grünen kritisieren die Sozialisten (wenn sie nicht mit ihnen koalieren, aber auch dann), weil sie unkritisch den Propheten der Industriegesellschaft und ihrer produktivistischen Ideologie folgten und glaubten, die Natur sei dazu da, von uns beherrscht zu werden. Doch handelt es sich hier nicht um eine ausschließlich sozialistische Sünde: Die Aufforderung der Schöpfungsgeschichte, der Mensch solle sich die Erde „untertan“ machen, hat allenthalben als biblischer Freibrief für die Ausplünderung und Zerstörung der Umwelt gedient.

Die Moderne hat tatsächlich auf einigen Gebieten Emanzipation bewirkt. Die Sklaverei ist abgeschafft, Frauen erfahren gesetzlich und gesellschaftlich ein deutlich höheres Maß an Gleichheit, Kinder werden nicht mehr wie Haustiere behandelt, Arbeiter wurden Bürger. Man fühlt sich jedoch an den Hinweis von Karl Marx erinnert, nach der Verwandlung von Untertanen in Bürger verbleibe noch die Aufgabe, Menschen aus ihnen zu machen.

Dem Menschen fremde Mächte, mit denen die Menschheit unserer Tage sich auseinandersetzen muss, sind – unter anderen – von moralischer Zweckbestimmung freigesetzte Wissenschaften und Technologien, die der Macht- oder Profitmaximierung von Eliten dienen, welche Menschheitswissen privatisieren. Und was die Eröffnung einer Epoche des Friedens zwischen den Nationen und innerhalb derselben angeht, das Ende des Rückgriffs der Menschheit auf Gewalt – auch diese Erwartungen haben sich als illusorisch erwiesen. Die Länder Westeuropas waren vernünftig genug, den bewaffneten Formen von Imperialismus und Nationalismus zu entsagen, aber diese Errungenschaft ist keine exklusive Leistung der Linken. Die linke Vorstellung vom unvermeidlichen Fortschritt in Richtung auf eine Welt säkularer Rationalität ist ahistorisch: Zur Illustration genüge der Hinweis auf die Koexistenz von technologischer Rationalität und dogmatischem Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten.

Die sozialdemokratische und fortschrittsorientierte Linke muss strategische Bündnisse mit den kritischen und modernen Strömungen innerhalb der großen Weltreligionen entwickeln; schließlich gehören diese zum Reservoir der Menschheitserinnerung an vergangene Kämpfe und unauslöschliche Hoffnungen. Eine Rückbesinnung auf ihr internationalistisches Erbe könnte dazu führen, dass die Linke ihre mit schlechtem Gewissen verfolgte (und moralisch abstoßende) Verstrickung in jene Prozesse überdenkt, mit deren Hilfe die reicheren Nationen die ärmeren beherrschen (vor allem im Hinblick auf ihre unkritische Verbindung mit den Vereinigten Staaten). Die interessantesten Gedanken und die größte Sensibilität finden sich heute allerdings jenseits der formalen Prozeduren westlicher Politik und der älteren Parteien linken Ursprungs. Deren Tradition wird gegenwärtig von denjenigen Gruppen erneuert, die sich frontal mit Ausbeutung und Verarmung, Umweltzerstörung und kultureller Homogenisierung, Tyrannei, Gewalt und deren inneren Ursachen auseinandersetzen. Nicht selten lobt man sie öffentlich für ihr Engagement, um sie privat als sektiererische Zirkel abzutun. Das erinnert an die Situation in England zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als sich in den Sekten jene Energien sammelten, die kurz darauf den monarchischen Absolutismus zu Fall brachten.

Heute haben wir es gleich mit einer ganzen Reihe von Absolutismen zu tun. Es gibt den Absolutismus des Marktes und seiner intellektuellen Handlanger, die darauf pochen, dass es zur Unterwerfung aller Lebensbereiche unter Kosten-Nutzen-Rechnungen keine Alternative gebe. Der deutschen Presse entnehme ich, dass ein Kollege, Professor Hans-Werner Sinn vom Münchener ifo-Institut, die Gesetze der Ökonomie für gleichermaßen gültig und aussagekräftig wie die Gesetze der Schwerkraft erklärt hat. Politisch motivierte Versuche, ihre Wirkungsweise zu beeinflussen, seien daher zum Scheitern verurteilt. Professor Sinn spricht mit der Glaubensgewissheit des verblichenen Dr. Eugen Dühring, des Kontrahenten von Marx und Engels. Dabei handelt es sich bei den Gesetzen der Ökonomie natürlich um ideologische Konstrukte, die weniger auf der Beobachtung der Realität, als vielmehr auf philosophischen und politischen Vorannahmen beruhen. Vielleicht sollte Professor Sinn sich jener Passage in Bertolt Brechts „Leben des Galileo“ erinnern, in welcher das Volk das Teleskop nicht himmelwärts, sondern auf Priester, Grundherren und Fürsten richtet. Das neue Teleskop, für die globale Gesellschaft unserer Tage, muss erst noch gebaut werden, aber es besteht aller Grund zu erwarten, dass wir eher früher als später eines haben – und Professor Sinns „Gesetze“ den Weg des Ptolemäischen Weltbilds gehen werden.

Ein anderer, konkurrierender Absolutismus besteht in der Behauptung, Primärgruppenbindungen seien genau dies, eben primär, und wir hätten keine andere Wahl, als uns mit Haut und Haaren unseren leiblichen Familienbeziehungen und -ursprüngen zu verschreiben, um die lebensfremden Mythen des Universalismus loszuwerden. Ein dritter Absolutismus steigert den zweiten zu der These, Volk und Nation seien größere, aber nach wie vor intakte Familien, die ausschließlichen Schauplätze unseres Lebens mit vorrangigem Anspruch auf unsere Loyalität. Ein vierter Absolutismus ist geistiger Natur; er besteht in dem Glauben, eine bestimmte Heilslehre könne privilegierte Wahrheitsansprüche erheben, und der damit einhergehenden Bereitschaft, alle Zweifler ins Reich der Finsternis zu verstoßen.

Die unterschiedlichen Absolutismen widersprechen einander hier, ergänzen einander dort – in keinem Fall aber dulden sie, jede für sich oder gemeinschaftlich, irgendwelchen Dissens. Damit verhindern sie, was das eigentlich Menschliche ausmacht, nämlich Lernprozesse – denn diese kann es nicht geben ohne die kritische Reflexion der je individuellen Erfahrung, des Lebens der eigenen Gruppe und der Menschheitsgeschichte. Die säkulare Linke des Westens weiß natürlich, dass die Mehrheit der Zeitgenossen auf dieser Erde ihre geistigen Perspektiven nicht teilt. Als John F. Kennedy im Juni 1963 vorschlug, den Kalten Krieg zu beenden, zählte er in seiner Rede die schlichten, aber grundlegenden Anforderungen auf, die die Menschheit auf der Suche nach dem vereinen, was die Begründer der amerikanischen Republik „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ genannt haben. Die großen Erzählungen und Heilslehren darüber, auf welchen Wegen wir diese Ziele erreichen können, unterscheiden sich stark. Die säkulare Linke sollte hierin einen weiteren Grund dafür sehen, ein aggiornamento eigener Art zu suchen, welches ihr gestattet, von anderen geistigen Richtungen und mit deren Anhängern gemeinsam zu lernen. Die Festigkeit und Kraft ihrer Überzeugungen müssten darunter nicht leiden, im Gegenteil: Die säkulare Linke könnte zu nuancierteren und realistischeren Positionen finden. Der Fortschritt der Geschichte vollzieht sich nicht auf dem Wege linearer Progression, sondern in langen Zeiträumen, während derer sich neue kulturelle und soziale Ideale und Sensibilitäten ausbilden, um in einem jener kurzen historischen Augenblicke zum Durchbruch zu kommen, in denen der Veränderungswille seine höchste Konzentration erreicht. Den Pluralismus der Geschichte anzuerkennen, bedeutet zugleich, jeglichen Absolutismus in Frage zu stellen.

Nein, die Linke ist nicht obsolet. Sie befindet sich in einer schweren Krise, die sie der Zähigkeit ihres Gegenspielers, eines global gewordenen Kapitalismus, aber ebenso sehr der Dürftigkeit des eigenen Geschichtsverständnisses zuzuschreiben hat. Die überaus ansehnlichen Erfolge, die die Linke im vergangenen Halbjahrhundert verbuchen konnte, kamen oft durch die Zusammenarbeit mit sehr unterschiedlichen Gruppierungen zustande. Roosevelts New Deal und die seinem Muster folgenden westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten der Nachkriegszeit konnten gelingen, weil Teile der gesellschaftlich Privilegierten sich überzeugen ließen, die Hinnahme von Einschränkungen dieser Privilegien werde sie materiell und moralisch sicherer machen. De Gaulle und Brandt überzeugten die Neo-Stalinisten in der UdSSR, dass internationale Koexistenz die beste Gewähr für den innergesellschaftlichen Fortschritt biete. Italiens compromesso storico vereinte Kommunisten und Katholiken zur Verteidigung der demokratischen Republik. Auch der New Deal war, wie jede Sozialreform in Amerika, das Werk ökumenischer Bündnisse zwischen säkularen und religiösen Kräften. Es bleibt deshalb die Aufgabe der Linken, neue Allianzen zu schmieden. [...]

Uns als Bürgern obliegt die Verantwortung, unseren intellektuellen Berufungen zu folgen, wohin sie uns auch führen mögen. Und so entschieden melancholisch diese Beichte auch sein mag: Die intellektuelle und moralische Beharrlichkeit bleibt die einzige lebenserhaltende Alternative.

(aus: »Blätter« 2/2019, Seite 92-94)
Themen: Demokratie, Europa und USA

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